Bindungstrauma: Woher es kommt – und wie du Schritt für Schritt wieder vertraust.
24 Min. Lesezeit
Bindung & Psychologie
Warum du diesen Artikel lesen solltest
Wenn du dich in Beziehungen immer wieder verletzt fühlst, dich in Trennungen „verlierst“, oder dich fragst, warum du an bestimmte Menschen unverhältnismäßig stark klammerst oder dich ebenso stark zurückziehst – dann kann Bindungstrauma der fehlende Baustein sein, der alles erklärt. Dieser Artikel verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse, Bindungsforschung und praxisnahe Strategien. Du bekommst eine klare Landkarte, wie Bindungstrauma entsteht, wie es deine Liebe, deine Trennung und deine Versöhnung beeinflusst – und vor allem, wie du langfristig heilen kannst.
Was ist Bindungstrauma – und was nicht?
Bindungstrauma bezeichnet tiefe emotionale Verletzungen in frühen (und oft wiederholten) Bindungserfahrungen, typischerweise mit primären Bezugspersonen. Es kann durch Vernachlässigung, inkonsistente Fürsorge, emotionale Kälte, Überforderung oder auch durch abrupte Trennungen entstehen. Dabei geht es nicht nur um „große“ traumatische Ereignisse, sondern häufig um chronische „Mikroverletzungen“: Ein Elternteil, der erreichbar ist – außer wenn du es am meisten brauchst. Eine Mutter, die tröstet – aber unberechenbar. Ein Vater, der dich liebt – aber nur, wenn du „funktionierst“.
Wichtig ist die Unterscheidung zu akuten Traumata (z. B. Unfälle) oder klassischen PTSD-Verläufen. Bindungstrauma ist meist entwicklungsbezogen (developmental trauma): Es formt die Grundschaltkreise deines Nervensystems für Nähe, Sicherheit und Selbstwert. Das erklärt, warum spätere Beziehungssituationen – vor allem Trennungen – uralte Alarme auslösen können: Dein System „erinnert“ sich nervlich an Unsicherheit und Gefahr, auch wenn der Kontext heute ein anderer ist.
Bowlbys Bindungstheorie beschreibt, dass Kinder eine innere Arbeitsmodell-Landkarte (internal working models) entwickeln: „So sicher ist die Welt. So verdient bin ich Liebe. So verfügbar sind andere.“ Diese Modelle wirken im Erwachsenenalter weiter – besonders in romantischen Beziehungen (Hazan & Shaver). Bindungstrauma verzerrt diese Modelle in Richtung Misstrauen, Alarmbereitschaft und Scham. Die Folge sind Strategien, die kurzfristig schützen, langfristig aber Nähe erschweren: Klammern, Über-anpassen, Kontrolle – oder Rückzug, Kälte, Abwertung.
Bindungstrauma kurz definiert
Wiederholte Bindungsverletzungen, oft in der Kindheit
Verändert innere Arbeitsmodelle (Selbst- und Fremdbild)
Erhöht Stressreaktivität in Beziehungsnähe
Nicht zu verwechseln mit
Einmaligen Lebenskrisen ohne Bindungsbezug
„Einfach nur Pech in Beziehungen“
Charakterfehlern oder Willensschwäche
Der wissenschaftliche Hintergrund: Gehirn, Hormone, Stresssystem
Das Bindungssystem ist biologisch verankert. Es umfasst neurochemische Prozesse (Oxytocin, Vasopressin), Belohnungs- und Schmerznetzwerke (Dopamin, endogene Opioide), sowie Stressregulation (HPA-Achse: Hypothalamus–Hypophyse–Nebennierenrinde). Früh erlebte Unsicherheit kalibriert diese Systeme.
Stress und Bindung: Kinder mit unsicherer Bindung zeigen oft stärkere oder dysregulierte Cortisolmuster (Gunnar & Quevedo). Chronischer Stress führt zu „Allostatic Load“ (McEwen), einer Überlastung der Stressachse mit Folgen für Emotionen und Körper.
Belohnung und Trennungsschmerz: fMRI-Studien zeigen, dass romantische Zurückweisung Areale aktiviert, die auch bei körperlichem Schmerz beteiligt sind (Kross et al.; Fisher et al.). Das ist der Grund, warum dich jede Nachricht von deinem Ex buchstäblich „sticht“.
Oxytocin & Bindung: Oxytocin fördert Vertrauen und soziale Annäherung, ist aber kontextabhängig. Bei unsicheren Menschen kann Oxytocin Nähe zwar erleichtern, aber auch die Sensitivität für Zurückweisung erhöhen. Tiermodelle (Young & Wang) zeigen, wie Vasopressin/Oxytocin Bindung stabilisieren – menschlich komplexer, aber in Grundzügen übertragbar.
Trauma und Gehirnnetzwerke: Bindungstrauma kann mit erhöhter Amygdala-Reaktivität (Alarm), schwächerer präfrontaler Top-down-Regulation (Impulskontrolle, Reframing) und gestörter Integration von Körperempfindungen korrespondieren (Lanius et al.; Teicher et al.). Schore betont die Rolle der rechten Hemisphäre und der frühen Mutter-Kind-Regulation.
Was heißt das praktisch? Bindungstrauma ist kein „Mangel an Willen“, sondern eine neurobiologische Lernerfahrung. Heilung ist möglich – über neue sichere Erfahrungen, Emotionsregulation, körperbasierte Techniken und Bindung in Therapie und Beziehungen.
Die Neurochemie der Liebe aktiviert Belohnungssysteme – und Trennung schaltet die gleichen Netzwerke ein wie Entzug.
Bindungsstile und Bindungstrauma: Wie sich Muster zeigen
Ainsworths Forschungen identifizierten sichere, ängstliche, vermeidende und später desorganisierte Bindungsmuster (Main & Solomon). Diese sind keine Schubladen, sondern Strömungen. Bindungstrauma verstärkt meist ängstliche und desorganisierte Anteile, manchmal auch vermeidende.
Ängstlich: Hohe Nähebedürfnisse, starke Verlustangst. Strategien: Klammern, Protestverhalten, exzessive Kontaktaufnahmen, Idealisierung und Abwertung im Wechsel.
Vermeidend: Autonomiebetonung, Abwehr von Verletzlichkeit. Strategien: Rückzug, kognitive Distanzierung, Abwertung von Bedürfnissen, „Ghosting“ nach Nähe.
Desorganisiert: Widersprüchliche Annäherung/Flucht. Strategien: Push-Pull, impulsive Ausbrüche, Kontrollverhalten und gleichzeitig Hilflosigkeit. Häufig verbunden mit früher Traumatisierung, Unvorhersehbarkeit.
Wichtig: Du bist nicht „dein Stil“. Du hast Strategien gelernt. Und du kannst neue lernen.
Wie Bindungstrauma deine Beziehung und Trennung beeinflusst
Wahrnehmung: Du scannst Gesichter, Nachrichten, Tonlagen hypervigilant nach Gefahr. Ein „Okay.“ in der SMS = Ablehnung. Ein später Anruf = Verlassenwerden. Das Gehirn füllt die Lücken mit Bedrohung.
Verhalten: Proteststrategien (Rückruf-Spam, Eifersuchtsfragen, Übererklärungen) oder Deaktivierung (Schweigen, Arbeitsexzess, Flucht in Porn/Spiele). Kurzfristig reduziert das Angst, langfristig unterminiert es Vertrauen.
Kommunikation: Gottman beschreibt „Die Vier Reiter“ (Kritik, Verachtung, Defensivität, Mauern). Bindungstrauma erhöht die Wahrscheinlichkeit, in Stress auf diese Reiter zurückzugreifen.
Nach der Trennung: Studien zeigen, dass Trennungen Stress, Rumination und gesundheitliche Belastung erhöhen (Sbarra). Bindungstrauma verstärkt das: Du erlebst nicht nur den aktuellen Verlust, sondern die Reaktivierung alter, nie verarbeiteter Verluste.
Beispiel – Sarah, 34, ängstliche Ausrichtung: Nach einer Trennung checkt sie minütlich das Handy, schreibt Nachrichten („Bitte melde dich, ich kann nicht schlafen“), stalkt Social Media. Kurz beruhigt das. Dann schämt sie sich und eskaliert. Es ist kein Mangel an Würde – es ist ein Paniksystem ohne Regulation.
Beispiel – Tim, 41, vermeidende Ausrichtung: In Konflikten friert er ein, arbeitet bis spät, sagt „Mir ist das zu viel Drama“. Nach der Trennung fühlt er zunächst Erleichterung. Wochen später dringt der Schmerz durch – oft als Einsamkeit oder somatische Beschwerden. Er meldet sich impulsiv, zieht sich dann wieder zurück.
Beispiel – Leyla, 29, desorganisierte Muster: Sie ruft an, weint, droht, entschuldigt sich, blockiert – alles binnen 48 Stunden. Das ist der Nervensystem-Krieg zwischen Nähe-Sehnsucht und Flucht vor Schmerz.
Selbstcheck: Könnte Bindungstrauma eine Rolle spielen?
Wiederholst du Beziehungsmuster, die du aus deiner Herkunftsfamilie kennst?
Ist Nähe für dich gleichzeitig verlockend und bedrohlich?
Überreagierst du auf Nicht-Antworten oder Verzögerungen?
Hast du Schwierigkeiten, nach Konflikten im Körper zur Ruhe zu kommen?
Fühlst du dich „zu viel“ oder „zu wenig“ – Scham dominiert?
Wenn du bei mehreren Punkten nickst, lohnt sich bindungsinformierte Selbstarbeit – unabhängig von Diagnosen.
Wichtig: Bindungstrauma ist kein Stigma. Es zeigt, dass du in unsicheren Umgebungen Strategien gelernt hast, um zu überleben. Jetzt lernst du Strategien, um zu lieben – dich und andere.
Heilungsprinzipien: Sicherheit zuerst, dann Verbindung, dann Neubewertung
Heilung ist kein linearer Sprint. Sie folgt Phasen, die wiederkehren können – wie Wellen. Wichtig ist die Reihenfolge: Stabilisierung, Verarbeitung, Integration.
Wertebasiertes Handeln (ACT): Wer willst du als Partner:in sein?
Sofort-Tools für akute Bindungsaktivierung
Wenn du gerade getriggert bist (z. B. Ex nicht geantwortet):
Orientierungs-Reset (90 Sekunden)
Benenne 5 Dinge, die du siehst, 4 die du fühlst, 3 die du hörst, 2 die du riechst, 1 die du schmeckst. Das zieht dich aus der Katastrophen-Zukunft ins Hier-und-Jetzt.
Physiologisches Seufzen (3×)
Zweistufig einatmen (kleines + großes Einatmen), lange ausatmen. Senkt CO2, beruhigt die Amygdala.
Selbstmitgefühl in 3 Sätzen
„Es ist gerade schwer.“
„Viele Menschen kämpfen mit diesem Schmerz.“
„Ich darf jetzt freundlich zu mir sein.“
Reaktionsaufschub 24 Stunden
Keine impulsiven Nachrichten. Schreib sie in Notizen, nicht an die Person. Morgen prüfen: Hilft das meiner Würde und meinem Ziel?
Körperliche Ko-Regulation
Warme Dusche, gehen, wiegen (leichte Gewichtsverlagerung), die eigene Hand spürbar am Brustbein. Das ist einfache Polyvagal-Pflege: Signale von Sicherheit für deinen Vagusnerv.
90 Sekunden
Mini-Reset zum Deeskalieren der Stresskurve.
3–5 Minuten
Atmung & Orientierung reichen oft, um Impulsnachrichten zu verhindern.
6–8 Stunden
Schlaf konsolidiert Emotionsverarbeitung – Priorität nach Triggern.
Kommunikationsleitfaden: Von Protest zu Präsenz
Protestverhalten ist ein Bindungs-Notruf. Verstehe ihn, aber handele reifer.
Statt „Warum antwortest du nicht?!“
„Ich merke, ich werde ängstlich, wenn Antworten ausbleiben. Ich kümmere mich jetzt um mich und melde mich morgen.“
Statt „Du liebst mich nie wirklich“
„Ich wünsche mir mehr Sicherheit. Können wir feste Zeiten für Updates vereinbaren?“
Statt „Ist da jemand anderes?“
„Ich spüre Eifersucht. Ich gehe jetzt an die frische Luft und atme, bevor ich etwas schreibe, das wir beide bereuen.“
Nach der Trennung mit Kindern:
„Hi, wie geht’s dir? Die Kinder vermissen dich.“
„Übergabe am Freitag 18 Uhr wie vereinbart. Falls etwas ändert, bitte bis Mittwoch 12 Uhr Bescheid geben.“
Bindungstrauma und „No Contact“: Warum Abstand heilt
Studien zeigen, dass Trennung Entzugssymptome triggert (Fisher et al.). Jeder Kontakt mit dem Ex kann das Belohnungssystem neu „primen“ und die Heilung verzögern (Sbarra). Deshalb ist eine klar definierte Kontaktsperre oft sinnvoll – nicht als Spielchen, sondern als medizinisch sinnvolle Abstinenzphase, wie bei jeder Dysregulation. Wenn Kinder oder Arbeit involviert sind: „Striktes Minimum“ – nur sachliche, planbare Kommunikation, keine Beziehungsthemen.
Wichtig: No Contact ist kein Machtspiel. Es ist eine Schutzmaßnahme für dein Nervensystem. Ziel ist nicht, den anderen eifersüchtig zu machen, sondern dich zu stabilisieren.
Die Rolle von Therapie und evidenzbasierten Verfahren
EFT (Emotionally Focused Therapy): Bindungsorientierte Paar-/Einzeltherapie zur Schaffung sicherer Verbindungen (Johnson). Wirksam in der Reduktion von Distanzierung/Pursuit-Zyklen.
EMDR: Hilft, belastende Bindungserinnerungen zu verarbeiten und zu rekonsolidieren. Oft effektiv bei Triggern, die „größer als die Situation“ sind.
Schema-Therapie: Identifiziert Lebensfallen (z. B. Verlassenheit, Misstrauen) und schafft neue Bewältigungsmuster.
IFS (Internal Family Systems): Arbeitet mit „Teilen“ (z. B. dem panischen Kind, dem kritischen Manager), um innere Kooperation zu fördern.
ACT/CBT: Wertebasiertes Handeln und kognitive Neubewertung für Alltagssituationen.
Körperbezogene Verfahren: Traumasensibles Yoga, Somatic Experiencing, Berührung in sicheren Kontexten (Field) zur Verbesserung der interozeptiven Sicherheit.
Du musst nicht alles machen. Wähle 1–2 Ansätze, die zu dir passen, und bleib 8–12 Wochen dran.
Mikrogewohnheiten, die Bindungssicherheit trainieren
Sichere Bindung ist ein Verhaltenstraining deines Nervensystems – täglich, sanft, wiederholt.
„10 sichere Minuten“ pro Tag: Schreibe dir selbst einen kurzen, warmen Check-in wie an eine beste Freundin: „Wie geht’s mir? Was brauche ich?“
Ko-Regulation verabreden: Eine Person, die du anrufen kannst, ohne dich rechtfertigen zu müssen; klare 10-Minuten-Regel: zuhören, atmen, benennen.
Re-Parenting-Rituale: Eine Tasse Tee, Decke, Hand auf Brust – 3 Minuten. Das ist kein „Esoterik“, sondern somatische Sicherheit.
Vor dem Schreiben an den Ex: 3 Fragen – „Was fühle ich? Was will ich? Was hilft langfristig?“ Dann 24-Stunden-Parkplatz.
Nach Trigger: 20-Minuten-Geh-Intervall. Studie hin oder her: Bewegung moduliert Stresschemie und verbessert Problemlösung.
5 Mikro-Übungen für heute
3× physiologisches Seufzen
90-Sekunden-Orientierung
10-Minuten-Spaziergang ohne Handy
1 wohlwollender Satz an dich
24-Stunden-Reaktionsaufschub
5 Mikro-Reflexionen (Journal)
„Wann fühlte ich mich heute sicher?“
„Welches Bedürfnis habe ich vertagt?“
„Wo habe ich mich verteidigt statt mitgeteilt?“
„Was wäre 1% sicherer morgen?“
„Wem kann ich heute Danke sagen – inklusive mir?“
Fallvignetten: Wissenschaft trifft Alltag
Sarah, 34, ängstlich: Nach Wochen No Contact schreibt der Ex „Wie geht’s?“. Ihr Herz rast. Früher hätte sie sofort 10 Nachrichten gesendet. Jetzt: 90-Sekunden-Orientierung, 3× Seufzen, 24h-Parkplatz. Am nächsten Tag schreibt sie nicht. Ergebnis: Erste Selbsteffektivitätserfahrung. Das Gehirn lernt: „Ich kann Nähe-Alarm regulieren.“
Tim, 41, vermeidend: Seine Partnerin wünscht sich mehr Offenheit. Statt „Ich brauche Zeit“ und Rückzug übt er: „Ich merke, dass es mir schwerfällt, Gefühle zu teilen. Lass mich 15 Minuten sammeln, dann spreche ich über meinen Tag.“ Das ist Dosis-Steuerung: Er bleibt in Verbindung, ohne sich zu überfluten.
Leyla, 29, desorganisiert: In Therapie arbeitet sie eine Szene aus der Kindheit auf (Mutter schreit, dann umarmt impulsiv). Mit EMDR wird die Erinnerung ergänzt um eine innerliche Schutzfigur und das Körpergefühl von „heute bin ich erwachsen“. Nach 6 Sitzungen sinkt die Intensität ihrer Push-Pull-Reaktionen. Sie baut ein Unterstützungssystem (Freundin, Tante, Therapeutin) auf.
Markus, 38, sicher: Er liebt Anna, die ängstlich reagiert. Statt zu moralisieren, nutzt er Bindungslogik: „Ich sehe, dass du Angst hast, ich weg bin. Ich bin hier. Heute Abend um 19 Uhr rufe ich an. Wenn ich nicht kann, schreibe ich vorher.“ Konsistenz ist Heilung.
Bindungstrauma vs. Bindungsstil: Zwei Ebenen, ein Ziel
Ein unsicherer Bindungsstil ist nicht automatisch ein Trauma. Bindungstrauma verstärkt jedoch unsichere Stile. Heilung zielt auf beides: Nervensystem beruhigen und Arbeitsmodelle korrigieren.
Du kannst ängstliche Tendenzen haben und trotzdem ohne Trauma aufgewachsen sein (z. B. durch kulturelle Faktoren oder Temperament).
Du kannst Trauma erlebt haben und trotzdem heute sicher handeln – durch Bearbeitung, sichere Beziehungen, stabilen Alltag.
Das Entscheidende: „Sicher genug“ werden, nicht „perfekt sicher“.
Beispiel: „Wenn ich längere Zeit nichts höre (Ich), werde ich unruhig und wünsche mir Verlässlichkeit (Bedürfnis). Kannst du mir bis 20 Uhr kurz schreiben, ob morgen klappt? (Bitte).“
Neurobiologische Prinzipien, praktisch übersetzt
Vor der Kognition kommt die Regulation: Atmen, Erden, Bewegen. Erst dann reden.
Oxytocin ist kein Zaubertrank: Warmherzige Kontakte, Blickkontakt, sanfte Berührung in sicheren Beziehungen unterstützen – aber niemals Druck oder Übertretung von Grenzen.
Belohnungssysteme sind trainierbar: Ersetze „Dopamin-Spikes“ (Drama, Stalking) durch nachhaltige Quellen (Sport, Kompetenz, Kreativität, Freundschaft).
Umgang mit Social Media nach der Trennung
30 Tage entfolgen, stummschalten, archivieren. Nicht aus Rache, sondern als Reizschutz.
Keine getriggerten Stories. Dein Nervensystem ist keine Bühne.
Notfallprotokoll: Buddy anrufen, 20 Minuten raus, 10 Minuten schreiben – dann erst entscheiden.
Wenn Wiederannäherung Thema ist
Für viele Leser:innen von RegainLove ist „Ex zurückgewinnen“ ein Ziel. Zunächst: Stabilisierung. Ohne sichere Selbstregulation wird jede Annäherung zu altbekannten Zyklen führen.
Mindestvoraussetzungen nach No Contact: Ruhige Grundlinie (Schlaf > 6 h, keine Impulsnachrichten), klare Absicht (Warum wirklich?), Plan für Kommunikation (3×3-Regel), Bereitschaft, Verantwortung für eigene Muster zu übernehmen.
Erstes Re-Engagement: Kurz, freundlich, ohne Agenda („Ich hoffe, es geht dir gut. Ich wollte mich für X bedanken. Alles Gute für deine Woche.“). Kein Beziehungsdebrief per Text.
Beobachten, dosieren, verbindlich bleiben. Ein „Nein“ ist Information, kein Urteil über deinen Wert.
Grenzen, die heilen – nicht verletzen
Selbstgrenze: „Ich antworte nicht nach 22 Uhr.“
Beziehungssichere Grenze: „Ich spreche gerne über das Thema, wenn wir beide ruhig sind – heute Abend 19 Uhr oder morgen 9 Uhr?“
Trennungssichere Grenze: „Kontakt bitte nur zu organisatorischen Themen. Ich melde mich, wenn ich zu anderem bereit bin.“
Grenzen ohne Wärme wirken wie Mauern. Füge Zugewandtheit hinzu: „Mir ist unsere Würde wichtig. Darum diese Regeln.“
Der Körper als Verbündeter
Bindungstrauma sitzt im Körper: Herzrasen, Magenknoten, Schulterpanzer. Der Weg hinaus führt durch den Körper.
Bitte formulieren: „Kannst du XY?“ – und ein „Nein“ aushalten, ohne Selbstabwertung.
Scham transformieren
Scham sagt: „Ich bin falsch.“ Das ist Bindungstraumas Kernschmerz. Heilung über:
Selbstmitgefühl (Neff-Prinzipien): Gemeinsamkeit der menschlichen Erfahrung, Achtsamkeit, Freundlichkeit.
Reparatur statt Perfektion: „Ich habe geschrien. Es tut mir leid. Ich kümmere mich darum, das zu ändern.“
Werte: „Was würde eine liebevolle Version von mir jetzt tun?“
Selbstmitgefühl vertiefen: 3 alltagsnahe Übungen
Hand-auf-Herz + Affektlabeling (2–3 Minuten)
Setz eine Hand aufs Brustbein, atme ruhig und benenne präzise: „Traurigkeit im Hals, Druck in der Brust.“ Das entlastet das Alarmsystem und bringt Sprache in Körperempfindungen.
Brief an dein jüngeres Ich (10 Minuten)
Schreibe: „Liebes jüngeres Ich, damals hast du ohne Anleitung gehandelt. Du warst nicht falsch, du warst allein.“ Schließe mit drei Sätzen der Fürsorge, die du dir heute geben kannst.
Mitgefühls-Brücke im Streit
Formel: „Stop – Atmen – Spiegeln – Bitte.“ Stoppe 10 Sekunden, atme 3×, spiegle 1 Satz deines Gegenübers („Du wünschst dir XY“), formuliere eine Bitte („Lass uns 15 Minuten Pause machen“). Diese Mikrostruktur verhindert Eskalation.
Beziehungen als Heilungsraum: Was Partner:innen tun können
Konsistenz schlägt Intensität: Kleine, verlässliche Zeichen (Morgengruß, abendlicher Check-in) sind wirksamer als große Gesten.
Reparatur-Wendungen (Gottman): „Darf ich neu anfangen?“, „Warte, ich höre dich gerade nicht gut – sag nochmal?“, „Ich bin für dich, nicht gegen dich.“
Nicht pathologisieren: „Dein System ist in Alarm, lass uns beruhigen, dann reden wir.“
Gemeinsame Rituale: Wochenplan, 2-Herzfragen am Abend („Was war schön? Was war schwer?“), 5-Minuten-Umarmung täglich (wenn beide einverstanden sind).
Typische Fallen – und Auswege
Informations-Binging ohne Praxis: Setze 1 Tool pro Woche um. Kleine Schritte, große Wirkung.
Hoffnungsfalle: Nur „Ex zurück“ sehen und Selbstheilung vergessen. Ohne innere Arbeit kehrt das alte Muster zurück.
Diagnosen als Identität: „Ich bin halt ängstlich.“ – Du hast ängstliche Muster, und du trainierst sichere.
Leitbild schreiben: „So lebe ich Liebe.“ Konkrete 3 Gewohnheiten für die nächsten 90 Tage.
Erinnerung: Heilung skaliert in Prozent, nicht in Perfektion
Du brauchst keine 0% Angst, um sicher zu lieben. 30–50% weniger Reaktivität verändern eine Beziehung fundamental. Messe Fortschritt an Würde-Momenten: Habe ich heute später, ruhiger, freundlicher reagiert als letzte Woche?
Bindung & Sexualität: Intimität sicher neu lernen
Bindungstrauma zeigt sich oft im Bett: Entweder durch Überanpassung („Ich mache mit, damit du bleibst“), Vermeidung („Sex ist zu nah“) oder durch Push-Pull („heiß/kalt“). Intimität darf heilen – langsam, spielerisch, mit klaren Grenzen.
Druck rausnehmen: Lust folgt Sicherheit. Kein Partner hat ein „Recht auf Sex“; beide haben ein Recht auf Sicherheit.
Trigger früh erkennen: Atem wird flach, Körper wird taub, Gedanken rasen. Dann gilt: Pause > Durchziehen.
Sprache finden: „Stopp, ich merke, mein Körper macht zu. Lass uns atmen/halten/reden.“
Sensate-Focus-Übung (an Masters & Johnson angelehnt):
Woche 1: Berühren ohne erogene Zonen, 10–15 Min., Fokus auf Temperatur, Druck, Textur. Kein Ziel.
Woche 2: Erogene Zonen erlauben, aber weiterhin kein Geschlechtsverkehr/orgasmusorientiertes Ziel.
Woche 3: Wechsel zwischen Führen/Empfangen, verbal Feedback geben („mehr/weicher/langsamer“).
Woche 4: Intimität nach Wunsch erweitern. Regeln: jederzeit Pausen, Aftercare (Wasser, Kuscheln, Worte der Sicherheit).
Vereinbare „Safe Words“ für Pausen. Nähe wächst, wenn sie jederzeit beendet werden darf.
Intergenerationale Muster: Du beendest, was nicht du begonnen hast
Bindungsmuster werden in Familien häufig weitergegeben – durch Vorbild, Umgang mit Emotionen, Rollen (Parentifizierung), und manchmal biologisch über Stressmarker. Forschung zu epigenetischen Effekten ist im Fluss; das Wichtigste: Du bist nicht determiniert, aber geprägt.
Erkennen: Welche Sätze sind Familiendogmen? („Reiß dich zusammen“, „Gefühle machen schwach“.)
Benennen: „Das ist alt, nicht von mir.“ Trenne Herkunft von Gegenwart.
Ersetzen: Neue Familiensätze formulieren („Bei uns darf man fühlen.“).
Kleine Handlungen mit großer Wirkung: Verlässliche Routinen, Entschuldigungen, die ankommen („Es tut mir leid, dass ich laut wurde. Du bist mir wichtig.“).
Hol dir Verbündete: Tanten, Großeltern, Freund:innen, Therapeut:innen – sichere Erwachsene sind der Gegenspieler zu unsicherer Geschichte.
Koffein/Alkohol/Nikotin/Cannabis: Nachmittags kein Koffein mehr. Alkohol verschlechtert Tiefschlaf und erhöht Reaktivität am nächsten Tag. Nikotin ist Stimulans. Cannabis kann zwar beruhigen, aber REM-Schlaf und Emotionsverarbeitung stören. Experimentiere nüchtern mit Sicherheit – nicht nur chemisch moduliert.
Essen & Bewegung: Eiweißreiches Frühstück stabilisiert. 20–30 Min. moderate Bewegung 4–5×/Woche reduziert Stresshormone und hebt Stimmung. Iss regelmäßig – Unterzuckerung triggert Drama.
Die richtige Therapie finden – praktisch
Gute Passung schlägt „Ruf“. Prüfe in den ersten 2–3 Sitzungen:
Bindungs- und trauma-informiert? Spricht die Person über Sicherheit, Dosis, Tempo?
Methode und Transparenz: Erklärt sie, wie gearbeitet wird (z. B. EMDR, EFT, IFS)?
Beziehung: Fühlst du dich respektiert, nicht pathologisiert?
Ziele: Gibt es klare, erreichbare Ziele (z. B. „Impulsnachrichten von 8/10 auf 4/10 in 12 Wochen“)?
Notfallplan: Was tun bei starken Triggern zwischen Sitzungen?
Minority Stress (z. B. durch Diskriminierung, Outingdruck, Familienabbruch) kann Bindungsmuster zusätzlich belasten. Heilung bleibt dieselbe – Sicherheit, Selbstmitgefühl, verlässliche Beziehungen –, aber die Kontexte sind anders.
„Chosen Family“ als Ressource: bewusst sichere Netze aufbauen.
Grenzen gegen Mikroaggressionen: „Ich teile das nicht. Wenn du respektvoll fragen willst, sag’s gern anders.“
Therapie: LGBTQIA+-kompetente Fachpersonen suchen. Sprache, Pronomen, Kontextsensibilität sind Sicherheitsmarker.
Neurodivergenz und Bindungstrauma (ADHS/Autismus)
Neurodivergente Menschen (z. B. mit ADHS oder im Autismus-Spektrum) erleben Bindung oft unter besonderen Bedingungen. Nicht, weil sie „beziehungsunfähig“ sind, sondern weil Reizverarbeitung, Planung und soziale Interpretation anders funktionieren.
ADHS: Impulsivität und „Zeitblindheit“ können zu impulsiven Nachrichten, verpassten Absprachen oder Textfluten führen. Häufige Begleiterscheinung ist starke Zurückweisungssensitivität. Das heißt: Neutrale Pausen in der Kommunikation werden schneller als Ablehnung gelesen.
Autismus: Starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und sensorische Überlastung können Nähe stressig machen, obwohl die Sehnsucht groß ist. Indirekte Hinweise werden leicht übersehen; klare, direkte Sprache schafft Sicherheit.
Selbstmanagement: Timer, Body-Doubling, Strukturhilfen. Nicht als „Krücke“, sondern als Bindungshilfen.
Therapiehinweis: ND-kompetente Fachpersonen suchen; Psychoedukation zu ADHS/Autismus mitbindungsorientiert verknüpfen.
Ergebnis: Mehr Vorhersagbarkeit = weniger Alarm = mehr Nähe.
Grenzen vs. Kontrolle – und was bei Gewalt gilt
Grenzen sagen, was DU tust. Kontrolle sagt, was ANDERE tun müssen. Warnzeichen für übergriffige Dynamiken: Isolation („Triff niemanden“), finanzielle Kontrolle, Drohungen, ständiges Abwerten, Stalking, körperliche Gewalt. Dann gilt: Sicherheit hat Priorität.
Hilfe holen: Anonyme Beratungsstellen/Hilfetelefone deines Landes. In Deutschland z. B. Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016; bei akuter Gefahr: 110/112.
Bindungstrauma erklärt Verhalten – es entschuldigt keine Gewalt.
Trigger-Tage, Jahrestage, Feiertage – ein Plan
Spezielle Tage verstärken Bindungsschmerz. Plane proaktiv:
Kalenderblick: Markiere potenzielle Triggerdaten 3 Monate im Voraus.
BE-SAFE-Plan:
Body: Schlaf, Essen, Bewegung sichern.
Environment: Reizreduktion (Social Media aus, Orte wählen).
Emotionale Stabilität fällt leichter, wenn die Außenwelt geordnet ist. Ein klarer Plan reduziert Trigger.
Wohnen: Mietvertrag prüfen (Kündigungsfristen, Nachmieter), Kaution, Übergabeprotokoll. Klärt früh, wer bleibt/auszieht. Inventarliste anlegen (wer nimmt was mit) – transparent, schriftlich, ohne spitze Kommentare.
Finanzen: Gemeinsame Konten entflechten, Daueraufträge splitten, Passwörter ändern (Bank, Streaming, Cloud), Vollmachten widerrufen. Budget für die ersten 3 Monate planen (Umzug, Doppelmiete, Möbel), Notpolster definieren.
Versicherungen & Verträge: Haftpflicht/Hausrat/Auto, Handy- und Stromverträge prüfen, wer übernimmt/kündigt. Prüfe auch begünstigte Personen in Verträgen.
Haustiere: Wohl des Tiers zuerst. Wer hat Ressourcen, wer den stärkeren Bond? Besuchs-/Betreuungsregelungen schriftlich fixieren, Tierarztkosten verteilen.
Umzugstag: Notfalltasche (Dokumente, Medikamente, Ladekabel, ein Set Kleidung, Snacks), Hilfe organisieren, klare Zeitfenster, keine Beziehungsdebriefs beim Packen.
Warum das bindungsrelevant ist: Struktur im Außen entlastet dein System im Innen. Jede geklärte Rechnung, jede geordnete Schublade ist eine kleine Dosis Sicherheit.
RAIN in 4 Schritten (bei Triggern): Recognize (merken), Allow (zulassen), Investigate (kurz erforschen: Wo im Körper?), Nurture (nähren: Hand aufs Herz, freundlicher Satz).
5-Tage-Reset:
Tag 1: Schlaf-Reset (Licht morgens, abends Bildschirme runter, feste Bettzeit).
Tag 2: Digital Detox (Social-Media-Apps 24 h löschen oder auslagern).
Tag 3: Bewegung & Natur (20–30 Min. draußen, ohne Musik/Podcasts).
Tag 4: Beziehungspflege (2 ehrliche Nachrichten: Dank/Verbundenheit – nicht an den Ex).
Tag 5: Werte-Mikrohandlung (1 Handlung in Richtung deines Leitwerts).
Expressives Schreiben (Pennebaker-Format): 4×20 Minuten in 2 Wochen über „Was passiert ist, was ich fühlte, was ich daraus lerne“. Danach Selbstfürsorge (Tee, Spaziergang). Ziel: Sinnfindung statt Grübeln.
Warm abgrenzen (Beziehung offen): „Ich mag dich und will fair bleiben. Ich beantworte Nachrichten werktags bis 20 Uhr und benötige 24 h für sensible Themen.“
Mini-Reparatur: „Mein Ton vorhin war hart. Inhalt bleibt, Ton nicht. Lass uns neu starten?“
Nein sagen: „Danke für die Einladung. Ich passe diesmal – brauche heute Ruhe.“
Wiederausstieg nach Kontaktversuch: „Ich merke, alter Schmerz wird getriggert. Ich ziehe mich wieder zurück und kümmere mich um Stabilität. Alles Gute.“
Bindungstrauma am Arbeitsplatz und im Freundeskreis
Muster zeigen sich überall:
Feedback als Ablehnung interpretieren, Rückzug vor Konflikten, Überanpassung.
Heilung: Proaktive Klärungen („Was genau meinst du mit …?“), 24h-Regel vor Reaktionen, Peer-Support.
Freundschaften nutzen: Ehrliche Rückmeldungen einholen, ohne Drama („Wenn ich überreagiere, erinnere mich bitte an den 90-Sekunden-Reset“).
Was, wenn Kinder beteiligt sind?
Du modellierst Sicherheit: Ruhige Übergaben, planbare Zeiten, klare Sprache.
Niemals durch die Kinder kommunizieren oder den Ex abwerten – das triggert auch deren Bindungssysteme.
Erwachsene Themen unter Erwachsenen. Kinder brauchen Routine und die Erlaubnis, beide Eltern zu lieben.
Spirituelle oder philosophische Perspektiven – mit Bodenhaftung
Für manche Menschen hilft Meditation oder Glaube. Wichtig: Traumasensibel praktizieren. Wenn stille Meditation Flashbacks verstärkt, wähle achtsames Gehen, Körperarbeit oder wohlwollende Sätze. Spiritualität ist ein Container, kein Bypass.
Rückfälle gehören dazu – Relapse-Plan
Frühwarnzeichen: Schlaf schlechter, Grübeln, Drang zu schreiben, Social-Media-Scanning.
Sofortmaßnahmen: Schlaf priorisieren, Social Media runterfahren, Buddy anrufen, 3 sichere Routinen reaktivieren.
Reflexion ohne Selbsthass: „Ich bin Mensch. Was war der Auslöser? Was ist mein nächster freundlicher Schritt?“
Wenn du Gedanken hast, dir zu schaden, oder dich selbst nicht mehr regulieren kannst: Suche umgehend professionelle Hilfe. In akuten Krisen wende dich an den Notruf in deinem Land. Du musst da nicht allein durch.
Vertiefung: Warum frühe Erfahrungen so hartnäckig sind – und doch formbar
Sensible Phasen: Frühe Jahre prägen grundlegende Stressantworten. Aber Neuroplastizität bleibt lebenslang bestehen.
Rekonsolidierung: Wenn Erinnerungen unter sicherer Aktivierung neu „gespeichert“ werden, kann ihre emotionale Ladung sinken (ein Prinzip hinter EMDR und Expositionsprozessen).
soziale Korrekturerfahrungen: Ein verlässlicher Partner, eine authentische Freundschaft, eine gute Therapeutin – das sind neue Daten für dein Bindungssystem.
Was sagt die Forschung zu Trennung und Gesundheit?
Sbarra et al.: Trennungen korrelieren mit Stressmarkern, Schlafproblemen, Rumination – besonders bei hoher Bindungsangst.
Kross et al.: Soziale Zurückweisung aktiviert Schmerznetzwerke – Validierung für deinen erlebten „körperlichen“ Trennungsschmerz.
Fisher et al.: Die Belohnungssysteme bleiben nach Trennung noch aktiv – erklärt Suchtgefühl nach dem Ex.
Diese Daten legitimieren Selbstfürsorge als Notwendigkeit, nicht Luxus.
„Innere Teile“ und Bindung
Viele Menschen berichten innerlich verschiedene Stimmen: „Kleines, ängstliches Ich“, „harte Kritikerin“, „Kontrolleur“. Statt zu kämpfen, kooperiere:
Benennen, nicht verschmelzen: „Ein Teil von mir will schreiben, ein anderer will würdevoll bleiben.“
Führung durch das Selbst: „Ich höre beide. Wir atmen. Wir wählen, was langfristig gut ist.“
Innere Teamkultur: Dank an Schutzteile („Du hast mir geholfen zu überleben“), und neue Aufgaben („Hilf mir, rechtzeitig Pause zu machen“).
Die Rolle von Sinn und Werten
Bindungstrauma schmälert oft Kohärenz („Was macht mein Leben aus?“). ACT schlägt vor: Werte vor Ziele. Beispiele:
Wert „Integrität“: Ich schreibe Nachrichten, die ich in einem Jahr stolz lesen würde.
Wert „Fürsorge“: Ich behandle mich wie jemanden, für den ich verantwortlich bin.
Wert „Mut“: Ich spreche Bedürfnisse aus – ohne Garantie.
Messbare Fortschritte – ohne Perfektionismus
Trigger-Intensitätsskala 0–10: Messe wöchentlich.
Reaktionslatenz: Wie viele Minuten/Stunden zwischen Trigger und Handlung?
Reparaturquote: Wie oft du nach Konflikten aktiv reparierst.
Selbstfreundlichkeit: 1 liebevoller Satz pro Tag – beobachte Widerstand.
Häufige Mythen entlarvt
„Bindungstrauma ist für immer.“ – Nein. Es ist formbar über neue Erfahrungen und Skills.
„Ich muss erst 100% heilen, bevor ich lieben darf.“ – Nein. Du heilst beim Lieben, wenn du Verantwortung übernimmst.
„No Contact ist Spielchen.“ – Nein. Es ist Nervensystem-Hygiene.
„Therapie ist Schwäche.“ – Nein. Es ist Training in emotionaler Exzellenz.
Schritt-für-Schritt-Dialoge: Falsch vs. hilfreich
„Du machst mich krank – antworte endlich!“
✅ „Ich merke, ich werde unruhig. Ich kümmere mich um mich und melde mich morgen.“
„Wenn du gehen willst, geh halt!“
✅ „Ich spüre Überforderung. Lass uns 20 Minuten Pause machen und dann weiterreden.“
„Ist eh alles egal.“
✅ „Ich bin traurig und brauche heute Ruhe. Können wir morgen sprechen?“
Die Macht kleiner Reparaturen
Gottman fand, dass erfolgreiche Paare nicht konfliktfrei sind, sondern gut reparieren. Für Bindungstrauma bedeutet das: Du musst nicht perfekt reguliert sein. Du musst nur fähig sein, zurückzukehren – zu dir und zueinander.
Mini-Reparatur: „Ich habe dich unterbrochen. Erzähl bitte zu Ende.“
Mittel-Reparatur: „Der Ton war hart. Neu: Ich habe Angst, nicht wichtig zu sein.“
Maxi-Reparatur: „Ich bin weggerannt. Es tut mir leid. Ich will lernen zu bleiben. Lass uns einen Plan machen.“
Bindungssichere Alltagspraxis (Beispiele)
Montag bis Freitag: Gleiche Schlafenszeiten, 10-Minuten-Morgenlicht, 20 Minuten Bewegung.
Wöchentlich: 1 Verabredung mit dir selbst, 1 ehrlicher Check-in mit einer Vertrauensperson.
Monatlich: Reflektion deiner Fortschritte, kleine Feier eines würdevollen Moments.
Mini-Glossar: Wichtige Begriffe kurz erklärt
Bindungssystem: Biologisches Motivationssystem, das Nähe und Schutz sucht, besonders bei Stress.
Innere Arbeitsmodelle: Verinnerlichte Annahmen darüber, wie liebenswert du bist und wie verlässlich andere sind.
Ko-Regulation: Beruhigung in Kontakt, wenn zwei Nervensysteme sich gegenseitig herunterregeln.
Protestverhalten: Strategien, um Nähe herzustellen (z. B. Klammern, Vorwürfe), wenn man sich unsicher fühlt.
Deaktivierungsstrategien: Rückzug, Vermeidung von Intimität, Abwertung eigener Bedürfnisse.
Desorganisation: Gleichzeitige Annäherung und Flucht; innere Widersprüchlichkeit nach unsicheren Erfahrungen.
Allostatische Last: Verschleiß des Stresssystems durch dauerhafte Aktivierung.
Rekonsolidierung: Erinnerungen werden beim erneuten Abruf modifizierbar und können „neu abgespeichert“ werden.
No Contact: Zeitlich begrenzte Kontaktsperre zur Stabilisierung des Nervensystems.
Werte: Leitprinzipien (z. B. Würde, Fürsorge), die Verhalten ausrichten – unabhängig vom Ergebnis.
Warum Würde dein bester Anker ist
Würde ist die innere Erfahrung von Selbstachtung – unabhängig von Reaktionen anderer. Frage dich in schweren Momenten: „Was würde meine Würde jetzt tun?“ Das ist kein Hochmut, sondern Selbstliebe mit Haltung.
Ein Wort zu Rückkopplungsschleifen mit dem Ex
Es gibt Zyklen, die du allein nicht entwirren kannst – besonders, wenn beide Bindungstraumata ineinander greifen (Pursuer–Distancer). Dann ist externe Unterstützung sinnvoll: Paarberatung (EFT), klare Vereinbarungen, mediierte Gespräche. Kein Mensch heilt im Vakuum.
Nicht als eigenständige Diagnose im DSM-5. Es überschneidet sich mit Entwicklungs-/Komplextrauma und unsicheren Bindungsstilen. Für die Praxis reicht: Deine Erfahrungen sind real und behandelbar.
Individuell. Manche spüren in 6–12 Wochen klare Entlastung durch Stabilisierung. Tiefergehende Verarbeitung kann Monate bis Jahre dauern. Entscheidend ist Konsistenz, nicht Tempo.
Ja. Mit Selbstregulation, ehrlicher Kommunikation und ggf. therapeutischer Unterstützung sind sichere Beziehungen realistisch. Sicherheit ist trainierbar.
Nur, wenn du stabil bist und einen klaren Rahmen hast. Offenheit kann verbinden – zu frühe Offenlegung in unsicheren Kontexten kann verletzen. Priorisiere deine Stabilität.
Kontextabhängig. In sicheren Beziehungen ja, in unsicheren kann Nähe Trigger verstärken. Erst Selbst- und Kontextsicherheit, dann Intensivierung von Nähe.
Nein, wenn sie als Selbstschutz genutzt werden. Manipulativ wäre es, wenn das Ziel ist, Reaktionen zu erzwingen. Dein Ziel ist Regulation.
Definiere „Minimal-Kontakt“: Nur sachliche Themen, schriftlich, fixe Zeitfenster. Keine privaten Inhalte. Hole dir ggf. Supervision.
Als Lernmaterial. Erkenne Auslöser, reaktiviere Stabilisierung, hole Unterstützung. Keine Selbstabwertung – sie verlängert den Rückfall.
Ja, besonders bindungsorientierte Ansätze (EFT). Vor Paararbeit: individuelle Stabilisierung. Sicherheit zuerst, dann Begegnung.
Bewegung reguliert Stresschemie, verbessert Schlaf und Emotionsregulation. 20–30 Minuten moderat, 4–5× pro Woche sind ein bewährter Rahmen.
Schluss: Hoffnung ist ein Handwerk
Ich weiß, wie roh sich Bindungsschmerz anfühlt. Wie ein inneres Kind, das ruft: „Lass mich nicht allein!“ Heilung bedeutet nicht, dieses Kind zu übertönen, sondern es an die Hand zu nehmen. Wissenschaftlich wissen wir: Das Gehirn ist plastisch. Bindung ist lernbar. Mit jedem 90-Sekunden-Reset, jeder würdevollen Nachricht, jeder sanften Grenze legst du eine neue Spur in deinem Nervensystem. Heute 1%. Morgen 1%.
Dein Herz ist lernfähig. Deine Geschichte ist nicht festgeschrieben. Sicherheit ist ein Weg – und du gehst ihn nicht allein.
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