Ex hat noch Gefühle: Körpersprache

Hat dein Ex noch Gefühle? Diese Körpersprache-Signale verraten es – ehrlicher als Worte.

24 Min. Lesezeit Kommunikation & Kontakt

Warum du diesen Artikel lesen solltest

Du willst wissen, ob dein Ex noch Gefühle hat – ohne peinliche Nachfragen oder Missverständnisse. Körpersprache kann dir dabei helfen, aber nur, wenn du weißt, was du beobachtest und wie du es interpretierst. In diesem Ratgeber bekommst du eine klare, wissenschaftlich fundierte Anleitung: Welche nonverbalen Signale auf noch vorhandene Gefühle hindeuten, welche nur Stress oder Höflichkeit bedeuten, und wie du praktisch vorgehst, ohne dich zu verrennen. Die Inhalte basieren auf Bindungstheorie (Bowlby; Ainsworth; Hazan & Shaver), Nonverbalforschung (Ekman; Burgoon; Hall), Neurochemie der Liebe (Fisher; Acevedo; Young) und Trennungspsychologie (Sbarra; Marshall; Field), damit du nicht im Dunkeln tappst, sondern mit System erkennst, was wirklich los ist.

Körpersprache: Was sie verrät – und was sie nicht verrät

Körpersprache umfasst Haltung, Gestik, Mimik, Blickkontakt, Proxemik (Abstand), Berührung, Stimme (Paralinguistik) und Bewegungsdynamik. In Beziehungen spielt nonverbale Kommunikation eine zentrale Rolle: Sie transportiert Nähe, Distanz, Zuneigung, Ablehnung, Unsicherheit und Begehren oft schneller als Worte. Forschung zeigt, dass Menschen – vor allem in engen Beziehungen – nonverbale Signale sensibel lesen, aber auch fehleranfällig sind, wenn Emotionen hochkochen (DePaulo & Friedman, 1998; Noller, 1981).

Wichtig ist, Grenzen der Interpretation zu kennen:

  • Ein einzelnes Signal beweist gar nichts. Verlässlicher sind Muster über Zeit und Situationen.
  • Kontext ist König: Kälte im Winter, ein lauter Bahnhof oder der Chef in der Nähe verändern Signale.
  • Baseline zählt: Manche Menschen wirken generell reserviert oder lebhaft. Beurteile Abweichungen von der persönlichen Norm, nicht von deinem Wunschbild.
  • Kultur und Geschlecht beeinflussen Ausdruck und Wahrnehmung (Hall, Horgan & Murphy, 2019). Halte deine Deutung flexibel.
  • Emotionen „leaken“: Subtile Mikroveränderungen können echte Gefühlszustände anzeigen, sind aber kein sicheres „Wahrheitsserum“ (Ekman & Friesen, 1978). Vermeide Überinterpretation.

Kurz: Körpersprache ist mächtig – aber nur in einem strukturierten, vorsichtigen Deutungsrahmen.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Warum Ex-Gefühle sich in Signalen zeigen

  • Bindungssystem: Beziehungen aktivieren Bindungssysteme, die auch nach der Trennung reaktiv sind (Bowlby, 1969; Ainsworth et al., 1978). Noch vorhandene Bindung zeigt sich oft in Annäherungs- und Fürsorgeverhalten: orientierter Körper, verlängerte Blicke, behutsame Berührungsvermeidung aus Respekt – oder im Gegenteil impulsive Näheversuche.
  • Neurochemie: Verliebtheit und Bindung sind mit Dopamin-, Oxytocin- und Vasopressin-Systemen verknüpft (Fisher et al., 2010; Acevedo et al., 2012; Young & Wang, 2004). Bei Konfrontation mit dem Ex können diese Systeme erneut aktiv werden – sichtbar in Mikrogesten, erweiterter Pupille, veränderter Stimme.
  • Trennungsstress: Liebeskummer aktiviert Schmerz- und Stressnetzwerke; Menschen zeigen dann gemischte Signale aus Annäherung und Schutz (Fisher et al., 2010; Sbarra, 2006). Das bedeutet: Ambivalenz ist normal.
  • Emotionskommunikation: Positive Zuneigung äußert sich nonverbal anders als Lust oder Dominanz (Gonzaga et al., 2001). Liebe zeigt sich eher in Wärme, synchronen Bewegungen, „weichen“ Blicken, Mikro-Lächeln, Fürsorgegesten; Lust in intensiven, schnellen Blicken auf Körperareale, bei enger Distanz.
  • Dyadische Ko-Regulation: Paare regulieren sich gegenseitig über Mikro-Signale. Auch nach der Trennung kann bei Kontakt kurz eine alte Synchronie aufflackern – messbar in Blick-Synchronität und ruhigerer Atmung (Gottman & Levenson, 1992; Porges, 2007).

Die Neurochemie der Liebe ist vergleichbar mit einer Drogenabhängigkeit. Kein Wunder, dass dich der Anblick deines Ex so stark triggert – das Belohnungssystem erinnert sich.

Dr. Helen Fisher , Anthropologin, Kinsey Institute

Proxemik und Raum: Wie Distanz wirklich gelesen wird

Raum ist Beziehung in Metern. Proxemik-Forschung beschreibt typische Distanzzonen: Intim (0–45 cm), Persönlich (45–120 cm), Sozial (1,2–3,6 m), Öffentlich (>3,6 m) (Hall, 1966). Diese Zonen sind kulturell geprägt und individuell verschieden.

Worauf du achten kannst:

  • Eintritt in die persönliche Zone: Wenn dein Ex wiederholt ohne äußeren Zwang in die Zone unter ca. 120 cm kommt und dort entspannt bleibt, ist das ein Annäherungshinweis.
  • Gleichgewicht von Blick und Abstand: Menschen regulieren Nähe über die „Intimitätsgleichung“ (Argyle & Dean, 1965). Mehr Blick kann durch mehr Distanz ausgeglichen werden – und umgekehrt. Wenn sowohl Blick als auch Nähe zunehmen, ist das besonders aussagekräftig.
  • Territorialverhalten: Jemand stellt seine Tasse „bei dir“ ab, setzt sich an „deinen“ Tisch, bleibt im Türrahmen stehen statt im Flur zu warten – das sind weiche Zeichen von Zugehörigkeitswunsch.
  • Erwartungsverletzung: Eine ungewohnt geringe Distanz kann positiv sein, wenn der Rest warm ist (Burgoon, 2016). Fühlt es sich eng an und der Körper ist abgewandt, ist es eher Stress als Zuneigung.

Praxis-Tipp: Nutze offene Räume, die flexible Distanz erlauben (Spaziergang, Parkbank). So kann dein Ex Nähe aus freien Stücken wählen.

Ein Rahmen zum Lesen der Körpersprache deines Ex

Statt einzelne „Tricks“ zu suchen, nutze ein System aus sieben Dimensionen. Beurteile jede Dimension auf einer Skala von –2 (klar abweisend) bis +2 (klar annähernd). Notiere deine Eindrücke nach jeder Begegnung.

Orientierung und Proxemik (Körperausrichtung und Abstand)
  • Annähernde Muster (+1 bis +2): Körper frontal ausgerichtet, Füße zeigen zu dir, geringe Distanz ohne Abwehr, beim Verabschieden ein halber Schritt näher. Kontexte: ruhige Umgebung, Gespräch ohne Eile.
  • Neutrale Muster (0): Seitlich versetzt, funktionale Distanz (z. B. bei Kinderübergabe), keine bewusste Annäherung oder Flucht.
  • Distanzierende Muster (–1 bis –2): Körper abgewandt, Füße Richtung Ausgang, deutlicher Schritt zurück bei deiner Annäherung.
Blickkontakt
  • Annähernd: Häufige Blicke, gehaltene Augenpausen 2–4 Sekunden, „weiche“ Pupillen, Blick wandert zu deinem Mund (Affektionshinweis). Mikro-Lächeln bei Blicktreffern.
  • Neutral: Freundlich-kurz, funktional (z. B. beim Sprechen).
  • Distanzierend: Blick meidet dich konsequent, schnell flackert er weg, Augenbrauen zusammengezogen.
Mimik
  • Annähernd: Duchenne-Lächeln (Fältchen um die Augen, angehobene Wangen), sanftes Stirnheben bei deinem Eintreten, Entspannung um den Mund, Wärme in den Augen.
  • Neutral: Business-Lächeln, geschlossene Lippen, wenig Bewegung.
  • Distanzierend: Gepresste Lippen, asymmetrisches Lächeln, zusammengezogene Brauen, „kalte“ Augen.
Gestik und Selbstberührung
  • Annähernd: Offene Handflächen, entspannte Schultern, kurze Selbstberührungen am Hals bei Nervosität (Hinweis auf physiologische Erregung), leichte Spiegelung deiner Gesten.
  • Neutral: Funktionale Gesten, wenig Selbstberührung.
  • Distanzierend: Verschränkte Arme als Barriere, harte Bewegungen, häufiges Kratzen am Nacken in Verbindung mit abgewandter Orientierung.
Bewegungsdynamik und Synchronie
  • Annähernd: Rhythmische, koordinierte Bewegungen, du sprichst – er nickt zeitlich passend; ihr lacht „gleichzeitig“. Mikrosynchronie gilt als Verbundenheitshinweis.
  • Neutral: Kein auffälliges Muster.
  • Distanzierend: Asynchron, häufige Unterbrechungen, abruptes Wechseln der Körperposition, Unruhe beim Zuhören.
Stimme (Paralinguistik)
  • Annähernd: Tonfall wärmer, leicht tiefer bei Männern, langsameres Sprechtempo, weiche Betonung deines Namens, mehr „weiche“ Fülllaute (hm, jaa) – Zeichen des Zuwendungsmodus.
  • Neutral: Sachlich, klar, flache Intonation.
  • Distanzierend: Kurz, abgehackt, monotone oder angespannt hohe Stimme.
Berührung
  • Annähernd: Initiierung kurzer, respektvoller Kontakte (Ellbogen, Oberarm), Finger bleiben einen Hauch länger als nötig. Berührung im Abschied mit Blickkontakt.
  • Neutral: Funktionaler Handschlag, keine vermeidende Bewegung.
  • Distanzierend: Verhinderung von Berührung, Zurückzucken, steife Schulter.

Wichtig: Jede Dimension einzeln ist nicht entscheidend. Ein konsistentes Muster über mehrere Dimensionen und Begegnungen gibt dir ein klareres Bild.

Vorsicht vor typischen Denkfehlern

  • Confirmation Bias: Du suchst nur nach Hinweisen, die deine Hoffnung bestätigen. Lösung: Bewerte aktiv auch gegenläufige Signale.
  • Mind Reading: Du glaubst zu wissen, was er „wirklich“ meint. Lösung: Nutze Körpersprache zur Hypothesenbildung, nicht als Urteil.
  • Ein-Signal-Falle: Ein langes Lächeln heißt nicht automatisch „Liebe“. Lösung: Mindestens drei unabhängige Signale über zwei Treffen.
  • Kontext-Fehler: Kälte, Stress, Kinder im Schlepptau verändern alles. Lösung: Kontext notieren, nicht nur Signale.

Wichtig: Körpersprache zeigt Zustand, nicht Verpflichtung. Auch wenn dein Ex noch Gefühle zeigt, heißt das nicht automatisch, dass Beziehungsvoraussetzungen (Zeit, Werte, Verletzungen) wieder passen. Respektiere seine Worte und Grenzen – immer.

Wie Trennung Schmerz und Annäherung mischt

Nach einer Trennung sind zwei Systeme parallel aktiv: Bindungssuche und Selbstschutz. Daher siehst du oft widersprüchliche Signale: weicher Blick, aber abgewandte Füße; warmer Tonfall, aber Arme verschränkt. Das ist kein „Spiel“, sondern psychologische Ambivalenz (Sbarra, 2006). Achte auf Trends über Zeit: Wird der Kontakt ruhiger, offener, koordinierter? Oder bleibt er angespannt und flüchtig?

Praxis: Ein Beobachtungsprotokoll, das funktioniert

Erstelle dir ein schlichtes Schema für jede Begegnung (max. 5 Minuten Nacharbeit):

  • Anlass/Ort (z. B. Kinderübergabe, Büroflur, Party)
  • Kontext (Kälte, Eile, Dritte anwesend)
  • Sieben Dimensionen (–2 bis +2, kurz begründen)
  • Gesamteindruck (–2 bis +2)
  • Hypothese (z. B. „Annäherung wahrscheinlich, aber gehemmt durch Stress“) – keine endgültigen Schlüsse
  • Nächster kleiner Schritt (z. B. „Beim nächsten Mal 10 Sekunden länger zuhören, offene Haltung, kein Thema Beziehung“)

Dieses Protokoll schützt dich vor Bauchentscheidungen im Affekt.

Do: So setzt du Körpersprache klug ein

  • Offene, entspannte Haltung (Brust offen, Schultern tief, Hände sichtbar)
  • Weicher Blick, 2–3 Sekunden, mit Duchenne-Lächeln
  • Langsameres Tempo, kurze Pausen lassen
  • Spiegeln auf niedrigem Level (ähnliche Sitzposition), aber nie karikieren
  • Respektiere Distanz, steigere Nähe nur in kleinen Stufen

Don't: Das untergräbt jedes Signal

  • Fixieren, Mikroexpressionen „entlarven“ wollen
  • Verschränkte Arme als Schutzschild
  • Schein-Intimität (plötzliche Umarmung ohne Einwilligung)
  • Sarkasmus, Nadelstiche, „Tests“ (Eifersucht, Schweigen)
  • Diskussionen über die Vergangenheit im falschen Kontext (Supermarkt, Büro)

Baseline sauber bestimmen: Der 3x3-Ansatz

Eine gute Baseline verhindert Fehlinterpretationen.

  • Schritt 1 – Drei neutrale Kontexte: Wähle kurze, sachliche Situationen (z. B. Übergabe, Büroflur, Parkplatz). Beobachte ohne Interaktionsdruck.
  • Schritt 2 – Drei Zeitpunkte: Früh, mittig, spät in der Begegnung. Manche öffnen sich erst nach 5–10 Minuten.
  • Schritt 3 – Drei Kanäle: Blick, Stimme, Orientierung. Wenn alle drei im Neutralbereich liegen, interpretiere spätere Abweichungen vorsichtig als echte Signale.

Notiere, was typisch ist (z. B. „spricht immer sachlich, schaut selten lange“). Spätere Plus-Abweichungen sind dann umso aussagekräftiger.

Körpersprache in Konfliktsituationen lesen

Wenn es knistert – positiv oder negativ – kippen Signale schnell.

  • Ärger vs. Verletzung: Ärger zeigt sich oft in gepressten Lippen, heruntergezogenen Augenbrauen, kurzen, kantigen Bewegungen. Verletzung eher in Blicksenken, seufzen, Schutzgesten (Arme vor Körper), leiserer Stimme.
  • Nähe trotz Konflikt: Wenn dein Ex sich dir zuwendet, Blickkontakt hält und gleichzeitig offen kommuniziert („Das hat mich echt verletzt“), ist das paradoxerweise ein gutes Zeichen: Er investiert emotional.
  • Deeskalation nonverbal: Schultern senken, Tempo verlangsamen, Stimme um 5–10% tiefer und ruhiger, Blick weicher – so regulierst du die Situation, ohne „Recht zu haben“.

Szenarien aus dem Alltag – und was sie bedeuten könnten

  1. Sarah, 34, Kinderübergabe am Freitag Situation: Sarahs Ex Tom kommt zur Tür, stellt die Tasche ab, bleibt im Flur. Er lächelt kurz, guckt Sarah in die Augen, Blick wandert auf ihre Hände. Er fragt: „Alles gut?“ in einem warmen Ton. Seine Füße zeigen leicht in die Wohnung, er macht keinen Schritt zurück, als Sarah ihm näher kommt, sondern hält die Distanz konstant. Interpretation: Mehrere leichte Annäherungssignale (Blick, Tonfall, Fußausrichtung), aber keine aktive Distanzverringerung. Hypothese: Positive Grundemotionen noch vorhanden, Hemmung durch Kontext (Kinder, Übergabe). Nächster Schritt: Ruhiger Small Talk, keine Themen eskalieren, offen bleiben.
  2. David, 29, zufälliges Treffen im Fitnessstudio Ex-Freundin Lea sieht David auf dem Laufband. Er nimmt die Kopfhörer ab, winkt, kommt rüber. Offene Haltung, spielt nervös mit der Flasche (Erregung), stellt Fragen zu Leas Job, hält Blickkontakt, lacht synchron. Beim Abschied: „Lass mal einen Kaffee trinken – irgendwann.“ Interpretation: Deutlich annähernde Signale inklusive Annäherungsvorschlag. Achte auf Konkretisierung („irgendwann“ vs. „Mittwoch 17 Uhr“). Nächster Schritt: Konkreten, leichten Vorschlag machen, ohne Druck.
  3. Leila, 41, Firmenfeier Ex-Partner Niko wirkt in Gruppen entspannt, bei Leila jedoch steifer. Wenn sie alleine sprechen, entspannen sich seine Schultern, er spiegelt ihre Gestik, stellt persönliche Fragen. Vor anderen hält er Distanz. Interpretation: Gefühle möglich, aber soziale Dynamik hemmt Ausdruck. Strategie: Kurze ruhige 1:1-Momente ermöglichen. In Gruppen neutral bleiben.
  4. Jonas, 37, Party bei Freunden Ex-Freundin Mia berührt Jonas beim Lachen am Unterarm, lässt die Hand einen Moment länger. Ihre Pupillen scheinen groß (Lichtverhältnisse checken!), ihr Körper orientiert sich ihm zu. Später vermeidet sie Nähe, als eine gemeinsame Freundin hinzukommt. Interpretation: Ambivalenz – Annäherung im Privaten, Schutz in der Gruppe. Trendbeobachtung nötig. Kleiner Schritt: Unverbindliche Einladung zu einem Spaziergang, keine Beziehungsthemen.
  5. Nuran, 32, kurze Übergabe am Bahnhof Ex-Partner Cem wirkt gehetzt, telefoniert, meidet Blickkontakt. Kurze sachliche Antworten, Hände in den Taschen, bei Annäherung weicht er einen halben Schritt zurück. Interpretation: Klare Distanz. Respektieren. Nächster Schritt: Emotionalen Druck rausnehmen, Kommunikation auf Logistik beschränken. Selbstfürsorge priorisieren.
  6. Ella, 28, Teammeeting im Büro Ihr Ex Alex ist Kollege. Im Plenum sachlich, aber wenn Ella spricht, schaut Alex aufmerksamer, nickt im Takt, macht sich Notizen und dreht seinen Oberkörper leicht zu ihr. Nach dem Meeting verweilt er am Ausgang, obwohl er gehen könnte. Interpretation: Subtile Annäherung im Rahmen des Professionellen. Nächster Schritt: Kurzer, wertschätzender Small Talk im Gang; keine private Einladung am Arbeitsplatz.

Die Zwei-Achsen-Logik: Annäherung vs. Vermeidung, Erregung vs. Ruhe

Um nicht in Details zu ertrinken, denke in zwei Achsen:

  • Annäherung/Vermeidung (A/V): Möchte dein Ex näher sein oder Distanz?
  • Erregung/Ruhe (E/R): Ist das Nervensystem aktiviert (Nervosität) oder reguliert (sicher)?

Kombinationen:

  • Hoch A, hoch E: Deutliche Signale, aber hibbelig – typischer „Es kribbelt noch“-Zustand nach Trennung. Achte auf Stabilisierung über Zeit.
  • Hoch A, niedrig E: Idealszenario für erneutes Kennenlernen – Nähe mit Ruhe, gute Synchronie.
  • Niedrig A, hoch E: Abwehrmodus, Reizüberflutung. Zieh dich zurück, gib Raum.
  • Niedrig A, niedrig E: Kühle Neutralität. Vielleicht vorbei – oder Schutzmodus. Mehr Daten sammeln.

Dein eigener Einfluss: Wie deine Körpersprache die deines Ex „spiegelt“

Menschen passen sich gegenseitig an. Mit folgenden Verhaltensweisen machst du es deinem Ex leicht, positive Signale zu zeigen, ohne Druck:

  • Offene, leicht zugewandte Haltung; Ellbogen sichtbar, Handflächen nicht versteckt.
  • Stimme warm, Tempo moderat, am Ende von Sätzen leicht nach unten intonieren (Sicherheit signalisiert).
  • Blickkontakt als „weiche Brücke“, 2–3 Sekunden, dann kurz abwenden.
  • „Mikro-Einladungen“: Leichte Vororientierung des Körpers, Mini-Schritt, der gestoppt werden kann.
  • Einfache, nicht wertende Fragen; mehr Zuhören als Reden.

70%

Ziel: Beobachten statt Interpretieren in der Begegnung. Weniger reden, mehr wahrnehmen.

30 Tage

Mindestens 30 Tage Emotions-Regeneration nach harten Trennungen, bevor du Signalmuster bewertest (orientierender Richtwert).

3–5 Sek.

Weiche Blickkontakte von 3–5 Sekunden sind ein guter Bereich für Nähe ohne Druck.

Grenzen erkennen: Wenn Signale gegen dich sprechen

Es gibt klare Muster, die du respektieren solltest:

  • Dauerhafte Vermeidung: Kurze, sachliche Kommunikation, keine Fragen an dich, Distanzaufbau bei Annäherung.
  • Negative Affekte: Rollende Augen, Schnaufen, spitze Kommentare, abgewandter Körper trotz neutralem Kontext.
  • Unmissverständliche Worte: „Ich möchte keinen Kontakt.“ Körpersprache nie gegen klare Aussagen „ausspielen“.

In solchen Fällen: Fokus auf Heilung, nicht auf Interpretation. Studien zeigen, dass gezielte Kontaktreduktion Heilungsverläufe verbessert (Sbarra, 2006).

Die Rolle von Bindungsstilen: So verändern sie Körpersprache

  • Ängstlich-ambivalent: Häufige Annäherungssignale, intensive Blicke, Nähe suchen; aber auch schnelle Rückzüge bei Unsicherheit. Du siehst „viel Bewegung“ – interpretier das nicht automatisch als echte Beziehungsbereitschaft, sondern als Bedürfnisregulation (Hazan & Shaver, 1987).
  • Vermeidend: Kürzere Blicke, größere Distanz, sachliche Stimme, weniger Berührung. Gefühle können vorhanden sein, der Ausdruck ist gedämpft. Achte auf subtile Abweichungen von seiner Baseline.
  • Sicher: Klare, ruhige Signale, kongruente Worte und Körpersprache, verlässliche Mikroschritte in Richtung Nähe.

Dein Vorteil: Wenn du deinen Ex einschätzen kannst, interpretierst du Signale realistischer – und überforderst ihn nicht.

Mikro vs. Makro: Warum „kleine“ Signale zählen – aber nur im Kontext

Mikroexpressionen sind kurze Gefühlsblitze (Ekman & Friesen, 1978). Sie können Hinweise geben, sind aber allein nicht aussagekräftig. Verlasse dich stattdessen auf:

  • Cluster: Mindestens drei passende Signale in kurzem Zeitfenster.
  • Dauer: Wiederholen sich Signale über mehrere Begegnungen?
  • Kongruenz: Passen Körpersprache, Stimme und Worte zusammen?

Beispiel: Ein weiches Augenlächeln (+), ein halber Schritt näher (+), ruhigere Stimme (+) – zusammen stark. Einmalige erweiterte Pupillen? Könnte Licht sein – neutral.

Schritt-für-Schritt-Plan: Vom ersten Treffen bis zur Entscheidung

Phase 1

Stabilisieren (Woche 1–2)

Selbstregulation, Schlaf, soziale Unterstützung. Ziel: Bei Begegnung ruhig bleiben, nicht „scannen“. Beobachten, notieren, keine Beziehungsthemen.

Phase 2

Daten sammeln (Woche 2–4)

2–3 kurze Kontakte erlauben. Je Kontakt sieben Dimensionen bewerten. Nur Mikroschritte anbieten (z. B. neutraler Kaffee, 20 Minuten, öffentlicher Ort).

Phase 3

Hypothese testen (Woche 4–6)

Wenn Muster konsistent annähernd: Konkreten, leichten Vorschlag machen. Körpersprache offen, aber nicht invasiv. Beobachten, ob er investiert (Fragen, Zeit, Planung).

Phase 4

Entscheidung treffen (ab Woche 6)

Kongruenz checken: Passen Worte und Signale? Verlässliche Annäherung? Wenn ja: Langsam ausbauen. Wenn nein: Grenzen ziehen, Heilung priorisieren.

Wie du Gespräche führst, die Signale sichtbar machen

  • Starte neutral: „Wie geht’s dir mit dem Projekt/Kinderzeitplan?“
  • Öffne minimal: Teile 1–2 persönliche, nicht verletzliche Updates – beobachte, ob er sich reziprok öffnet.
  • Nutze Pausen: Sag weniger, lass Raum. Positive Annäherung zeigt sich oft in Freiwilligkeit, nicht unter Druck.
  • Vermeide Meta-Gespräche über Signale („Ich sehe, dass du mich anschaust…“) – das erhöht Anspannung.

Beispiel-Dialoge

  • Leicht: „Ich bin am Samstag eh in der Nähe des Parks. Wenn du Lust hast, 20 Minuten spazieren?“ – Stimme ruhig, Schultern entspannt, Blick weich. Akzeptiere ein Nein ohne Nachdruck.
  • Neutral: „Übergabe wie vereinbart. Passt dir 18:15 besser?“ – sachlich, klare Gestik, kein Suchblick.

Ortsspezifische Hinweise

  • Zuhause: Hohe Intimität. Halte Distanz, schaffe „grüne Zonen“ (Türrahmen, Küche) ohne Engstellen.
  • Arbeitsplatz: Professionalität vor Nähe. Körpersprache nüchtern. Keine Beziehungscodes.
  • Öffentlichkeit: Reize und Beobachter beeinflussen Signale. Vertraue weniger auf feine Mimik, mehr auf Orientierung und Stimme.

Was, wenn dein Ex sich widersprüchlich verhält?

Ambivalenz ist erwartbar. Nutze die „Drei-Treffen-Regel“: Triff ihn neutral in drei unterschiedlichen Kontexten. Bleiben Annäherungssignale stabil (z. B. Blick + Stimme + Orientierung), kannst du von Restgefühlen ausgehen. Sind Signale wechselhaft ohne Trend, geh vom Schutzmodus aus – drücke nicht.

Die Wissenschaft hinter Berührung und Nähe

Berührungen setzen Oxytocin frei und signalisieren Wärme, aber nur, wenn sie passend und willkommen sind (Field, 2010). Frühzeitige, unerwartete Berührung kann Stress steigern. Faustregel: Initiiere keine Berührung, lasse sie entstehen. Wenn er berührt, halte die Berührung einen Moment, schau sanft, dann löse zuerst. Das zeigt Kontrolle und Respekt.

Emotionsregulation: Damit du nicht „zu viel“ liest

  • Grounding: 4-7-8-Atmung vor Treffen (ausatmen länger als einatmen) – Polyvagal-Theorie deutet auf Beruhigung des Systems hin (Porges, 2007).
  • Selbstinstruktion: „Ich beobachte Muster, nicht Beweise.“
  • Nachsorge: 10 Minuten Spaziergang, keine sofortigen Analysen mit Freunden. Erst notieren, dann schlafen.

Nonverbale Marker von Zuneigung vs. Schuld vs. Höflichkeit

  • Zuneigung: Weiches Duchenne-Lächeln, Mikrosynchronie, freiwilliges Verweilen, leichte Distanzverringerung, angenehme Stimmfarbe, Augenbrauenhebein bei Blickkontakt.
  • Schuld: Schultern nach vorn, seufzen, Blick nach unten, schnelle Zustimmung, aber Fluchtbewegungen. Wenig echte Annäherung.
  • Höflichkeit: Business-Lächeln, lineare Gestik, sachlicher Ton, Distanz konstant, keine Mikrospiegelung.

Trainiere, diese Kategorien auseinanderzuhalten, indem du auf „Freiwilligkeit“ achtest: Bleibt er ohne äußeren Zwang? Stellt er Fragen? Kommt er ein bisschen näher, obwohl er auch gehen könnte?

Geschlecht, Kultur, Persönlichkeit: Unterschiede fair interpretieren

  • Geschlecht: Metaanalysen finden kleine Effekte zugunsten von Frauen in Emotionsdekodierung (Hall et al., 2019). Männer zeigen Zuneigung häufiger indirekt, etwa in Handlungen oder Stabilität der Präsenz.
  • Kultur: Distanznormen variieren. Kenne die Normen deines Ex (Herkunft, Familie, Beruf).
  • Persönlichkeit: Introvertierte zeigen oft subtil und konstant; Extrovertierte stärker, aber schwankender.

Wenn andere Partner im Spiel sind

  • Ex hat neue:n Partner:in: Lies Signale maximal für dich, nicht als „Auftrag“. Respektiere die neue Beziehung. Halte Begegnungen sachlich, besonders bei Co-Parenting.
  • Du hast wen Neues: Kommuniziere klar, halte Körpersprache kongruent zu deiner Entscheidung. Mischsignale verlängern Schmerzen.
  • Niemals triangulieren: Eifersucht als „Test“ ruininiert Vertrauen – auch, wenn Gefühle noch da sind.

Erweiterte Fallstudie: Vom ersten Blick bis zur Entscheidung

Fall D: „Wärme unter der Oberfläche“

  • Woche 1, Büroflur (5 Min): Orientierung 0, Blick +1 (weiche Augen), Stimme +1 (wärmer), Mimik 0, Distanz 0, Synchronie 0, Berührung –. Gesamteindruck +0,5.
  • Woche 2, Mittagspause im Park (18 Min): Orientierung +1, Blick +2 (gehaltene Pausen), Stimme +1, Mimik +1, Distanz +1 (setzt sich näher als nötig), Synchronie +1, Berührung 0. Gesamt +1,2.
  • Woche 3, gemeinsames Projekt (30 Min): Orientierung +1, Blick +1, Stimme +1, Mimik +1, Distanz 0 (professioneller Rahmen), Synchronie +2 (gleichzeitiges Lachen, parallele Bewegungen), Berührung 0. Gesamt +1,0.
  • Woche 4, Café (25 Min): Orientierung +2, Blick +2, Stimme +1, Mimik +1, Distanz +1, Synchronie +1, Berührung +1 (kurzer Ellbogenkontakt beim Lachen). Gesamt +1,6. Entscheidung: Kleines, klares Angebot („Spaziergang nächste Woche, 20–30 Min?“). Beobachte, ob Initiative erwidert wird (Zeitvorschlag, Nachfragen).

Checkliste: 15 + 15 Signale im Schnellüberblick

Annäherungscluster (kontextbereinigt):

  • Weicher Blick mit Duchenne-Lächeln
  • Körper frontal zu dir, Füße zeigen in deine Richtung
  • Mini-Schritt in deine Richtung ohne Gegenbewegung
  • Warmer, variabler Tonfall, langsameres Tempo
  • Spiegelung deiner Gesten und Haltung
  • Freiwilliges Verweilen nach „eigentlich ist’s vorbei“-Momenten
  • Fragen zu dir (Interesse) statt nur zu Sachen (Logistik)
  • Hilfsangebote ohne Aufforderung
  • Längerer letzter Blick beim Abschied
  • Offene Handflächen, sichtbare Handgelenke
  • Schultern sinken sichtbar, wenn du kommst
  • Lockeres Spielen mit Gegenstand + Annäherung (Nervosität + Wunsch)
  • Mikro-Nicken im Sprechfluss
  • Kurze, natürliche Berührungen mit minimaler Verzögerung beim Lösen
  • Atmung wird ruhiger in deiner Nähe

Distanzcluster:

  • Füße Richtung Ausgang, Körper abgewandt
  • Blick meidet dich konsequent, flackernd, hart
  • Stimme kurz, flach, hektisch
  • Arme verschränkt + Körperspannung hoch
  • Schritt zurück bei deiner Annäherung
  • Kein Nachfragen, nur Ein-Wort-Antworten
  • Schnelles Beenden der Situation („Muss los“)
  • Telefon/Objekt als Barriere eingesetzt
  • Künstliches Lächeln, keine Augenfalten
  • Fehlende Synchronie, ständiges Unterbrechen
  • Distanz größer als im Umfeld nötig
  • Kein Eingehen auf humorvolle Angebote
  • Berührung wird aktiv vermieden
  • Stirn runzelt sich bei Blickkontakt
  • Gesicht und Stimme nicht kongruent (z. B. Lächeln, aber kalter Ton)

Interventionsmatrix: Was du je Muster tust

  • Leicht annähernd + nervös: Tempo senken, Pausen lassen, keine Berührung initiieren.
  • Annähernd + ruhig: Kleine Einladung, konkreter Zeitvorschlag, freundlich-offen.
  • Neutral + gestresst: Kontext entlasten, kurz halten, später neu begegnen.
  • Distanzierend + ruhig: Grenzen respektieren, Kontakt reduzieren, Fokus auf dich.

Anhang: Protokollvorlage zum Kopieren

Titel: Begegnungsprotokoll – Ex

  • Datum/Uhrzeit/Ort:
  • Kontext (Wetter, Eile, Dritte, Thema):
  • Orientierung/Proxemik (–2 bis +2) + kurze Begründung:
  • Blick (–2 bis +2):
  • Mimik (–2 bis +2):
  • Gestik/Selbstberührung (–2 bis +2):
  • Dynamik/Synchronie (–2 bis +2):
  • Stimme (–2 bis +2):
  • Berührung (–2 bis +2):
  • Gesamteindruck (–2 bis +2):
  • Hypothese in einem Satz:
  • Nächster kleiner Schritt (verhaltensbezogen, konkret, respektvoll):

Scoring-Hinweis: Werte zwischen +0,5 und +1,5 über drei Begegnungen deuten auf Restwärme hin. Unter 0 eher Distanz. Trends zählen mehr als Einzelscores.

Social Media, Text & Calls: Kurzleitfaden

  • Text: Paralinguistik fehlt fast komplett. Lies nicht „zwischen den Zeilen“. Höchstens Frequenz und Initiative sind Anhaltspunkte – und selbst die sind kontextabhängig.
  • Telefon: Achte auf Wärme, Pausen, Seufzer, Lächeln hörbar in der Stimme.
  • Video: Nutze größere Gesten und Stimme fürs Lesen, da Körpersicht eingeschränkt ist. Mini-Latenzen können Wärme überdecken – nicht überinterpretieren.

Ethik und Sicherheit: Grenzen wahren

  • Kein „Monitoring“ außerhalb natürlicher Begegnungen. Respektiere Privatsphäre.
  • Kein „Testen“ über Dritte. Keine Eifersuchtsstrategien.
  • Sicherheit vor Nähe: Wenn es Anzeichen von Kontrollverhalten, Drohungen oder Grenzverletzungen gibt, setze klare Grenzen und hole dir Unterstützung. Körpersprache-Feintuning ist dann zweitrangig.

Häufige Mythen – und was stimmt

  • „Körpersprache macht 93% der Kommunikation aus.“ Falsch verallgemeinert. Mehrabian bezog sich auf Bewertungen von Gefälligkeit in sehr speziellen Situationen. Worte sind wichtig und schlagen Ambiguitäten.
  • „Wer nach links oben schaut, lügt.“ Es gibt kein verlässliches Lügenmuster in der Körpersprache (DePaulo & Friedman, 1998).
  • „Berührung schafft automatisch Nähe.“ Nur, wenn sie willkommen ist (Field, 2010). Sonst Gegenteil.

Erweiterte FAQ

  • Wie gehe ich mit „Heiß-Kalt“-Verhalten um? Erhöhe nicht die Dosis, sondern die Qualität: Seltener, aber ruhiger treffen. Drei Kontexte, Trend prüfen, dann entscheiden.
  • Was, wenn wir uns fast nie sehen? Priorisiere Video/Telefon statt Chat. Vereinbare kurze, klare Kontakte statt „ewiges Tippen“.
  • Kann Humor helfen? Ja, sofern warm und nicht sarkastisch. Lachen synchronisiert Nervensysteme und senkt Abwehr.
  • Wie erkenne ich, ob es nur Schuld ist? Schuld will schnell „lösen“ und geht dann weg. Zuneigung bleibt freiwillig länger und wird persönlicher.
  • Wie teste ich Verbindlichkeit ohne Druck? Mache einen kleinen, konkreten Vorschlag mit Zeit/Ort. Schau, ob er konkret zurückkommt (Alternativen, Fragen, Planung).
  • Wir teilen Kinder – wie bleibe ich fair? Trenne strikt Elternrolle und Ex-Rolle. Bei Übergaben: sachliche Stimme, klare Gesten, keine Doppelsignale.

Kleine Übungen, große Wirkung

  • 60-Sekunden-Reset vor Treffen: Drei tiefe Atemzüge, Schultern sinken lassen, Kiefer lockern, Hände öffnen.
  • Warmes Blicktraining: 2–3 Sekunden Blick, innerlich „Ich sehe dich“ denken, dann lösen.
  • Stimme erden: Sätze beenden, statt hochziehen. Das signalisiert Ruhe und Verlässlichkeit.
  • Spiegeln üben: Nur 30–40% deines Gegenübers übernehmen – genug für Resonanz, zu wenig für Nachahmung.

Glossar der wichtigsten Begriffe

  • Proxemik: Lehre vom Umgang mit räumlicher Distanz in der Kommunikation.
  • Paralinguistik: Stimmliche Aspekte ohne Worte (Tonhöhe, Tempo, Pausen).
  • Synchronie: Zeitlich abgestimmte Bewegungen/Emotionen zwischen zwei Personen.
  • Duchenne-Lächeln: Echtes Lächeln mit Augenfalten und angehobenen Wangen.
  • Baseline: Individueller „Normalzustand“, von dem Abweichungen bewertet werden.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

  • Starke Ambivalenz, die dich lähmt
  • Wiederholte, schmerzhafte Konflikte bei kurzen Begegnungen
  • Trauma- oder Angstsymptome, die Lesen/Deuten verzerren
  • Co-Parenting mit hoher Eskalationsgefahr

Eine neutrale, fachkundige Perspektive hilft, Muster zu sortieren und sichere Grenzen zu halten.

„Fortgeschrittene“ Signale, die oft unterschätzt werden

  • Zeigegesten: Wenn sein Körper weg steht, aber Hände Richtung dir zeigen, ist das ein verdeckter Annäherungshinweis.
  • Erster und letzter Blick: Wer schaut zuerst, wer zuletzt? Ein letzter, langer Blick beim Gehen ist häufig bedeutungsvoll.
  • Atmung: Wird seine Atmung ruhiger, wenn ihr zusammen seid? Ein mögliches Zeichen für Ko-Regulation.
  • Micro-Approach: Halber Schritt, der nicht vollendet wird – zeigt Wunsch bei gleichzeitiger Hemmung.

Was nicht funktioniert: Mythen entlarvt

  • „Er hat die Arme verschränkt – also blockt er mich.“ Vielleicht ist ihm kalt. Achte auf Kombinationen und Kontext.
  • „Wenn er schielt, lügt er.“ Lüge hat kein verlässliches nonverbales Muster (DePaulo & Friedman, 1998).
  • „Pupillen groß = liebt mich.“ Lichtverhältnisse beeinflussen massiv. Nutze Pupillen höchstens ergänzend.

Wenn du Kinder teilst: Co-Parenting ohne psychologische Spiele

  • Priorität: Stabilität der Kinder. Nutze klare, ruhige Körpersprache, neutrale Stimme.
  • Trennung von Rollen: Elternrolle vs. Ex-Partnerin strikt trennen.
  • Zeitfenster: Übergabe kurz halten. Tiefe Themen separat und geplant.
  • Signale werten? Ja, aber nur für dich und nie vor den Kindern.

Ethische Leitplanken: Würde vor „Winning“

  • Kein Lesen gegen den Willen: Er signalisiert Distanz – respektiere sie.
  • Kein Einsatz von Eifersucht oder Unsicherheit als Druckmittel.
  • Körpersprache ist Vertrauen, kein Werkzeug zur Manipulation.

Mini-Interventionen, die Resonanz schaffen

  • Namen nutzen: Ruhig aussprechen, nicht verniedlichen.
  • Kurze Bestätigung: „Verstehe.“ „Danke, dass du das sagst.“ – Blickkontakt kurz halten, nicken.
  • Offene Fragen statt Warum-Fragen: „Was wäre für dich gerade angenehm?“ statt „Warum willst du nicht reden?“

Deine innere Haltung macht den Unterschied

Körpersprache ist nicht nur Technik, sondern Ausdruck deiner inneren Lage. Arbeite parallel an:

  • Selbstmitgefühl: Du darfst hoffen – und du darfst loslassen.
  • Realismus: Gefühle sind notwendig, aber nicht hinreichend für eine erneute Beziehung.
  • Tempo: Gute Nähe wächst langsam. Erzwinge nichts.

Troubleshooting: Wenn du dich verliest

  • Hol dir einen „realistischen Spiegel“: Eine nüchterne Freundin bewertet deine Protokolle.
  • Nutze Scores: Wenn dein Durchschnitt über drei Treffen unter +0,5 bleibt, interpretiere neutral.
  • Pausiere: Zwei Wochen Signale sammeln – dann erst Entscheidungen.

Telefongespräche und Video: Paralinguistik lesen

  • Telefon: Achte auf Tonhöhenvariabilität, Sprechtempo, Seufzer, Pausen. Warm und variabel ist eher Zuneigung; kurz und flach eher Distanz.
  • Video: Gleiche Regeln wie live, aber reduziertes Körperfeld. Schenke Mimik und Stimme mehr Gewicht.

Fallstricke in sozialen Medien

Körpersprache ist offline. Likes und Story-Views sind keine verlässlichen Gefühlsindikatoren. Halte Social-Media-Interpretationen minimal: Ein View ist nur ein View. Triff echte Menschen, nicht Algorithmen.

Dein „Sanftes-Neu-Kennenlernen“-Protokoll

  • Begegnung 1: 15–20 Minuten, neutraler Ort, kein Beziehungstalk
  • Begegnung 2: 30 Minuten, Spaziergang, beobachte Synchronie
  • Begegnung 3: Kaffee, kurze persönliche Themen, prüfe Freiwilligkeit
  • Dann: Entweder kleiner konkreter Vorschlag oder respektvolle Pause

Zeichencluster: Fünf typischen Bündel, die auf Restgefühle hindeuten

  • Wärme-Cluster: Duchenne-Lächeln + weicher Blick + warme Stimme
  • Nähe-Cluster: Körperorientierung + kleiner Distanzabbau + Micro-Approach
  • Resonanz-Cluster: Spiegelung + synchrones Lachen + zeitlich passendes Nicken
  • Nervositäts-Cluster: Selbstberührung am Hals + Spiel mit Gegenstand + kurze Ein- und Ausatmer – interpretiere nur positiv, wenn es mit Annäherung kombiniert ist.
  • Fürsorge-Cluster: Kleine Hilfsangebote + vorausschauendes Verhalten dir gegenüber + achtsame Übergaben

Grenzen des Lesens bei Trauma, Angst, Depression

Manche Zustände dämpfen Ausdruck oder erzeugen widersprüchliche Signale. In solchen Fällen ist Geduld und Zurückhaltung doppelt wichtig. Ein stiller Mensch kann fühlen – aber nicht zeigen. Lies weniger „romantisch“, mehr „fürsorgeorientiert“: Ist Nähe für den anderen sicher?

Beispiele für gelungene, nicht aufdringliche Reaktionen

  • Er macht einen halben Schritt näher: Halte die Distanz, lächle, öffne die Schulter, stell eine leichte Frage.
  • Er berührt kurz deinen Arm: Halte Kontakt 1 Sekunde, Blickkontakt, dann löse. Kein Nachfassen.
  • Er schaut lang beim Abschied: Kurzes Zunicken, weiches Lächeln, „Schön, dich gesehen zu haben.“ Geh zuerst.

Kleine Übungen, große Wirkung

  • Spiegeltraining: Übe Duchenne-Lächeln – denk an einen echten, warmen Moment, nicht an das „Hochziehen“ der Mundwinkel.
  • Körper-Scan: Erkenne, wann deine Schultern hochziehen. Lasse bei jedem Ausatmen 5% Spannung los.
  • Blickkontakt: Übe mit Freund:innen 2–3 Sekunden „weichen Blick“. Ziel: Präsenz ohne Prüfgefühl.

An einem einzelnen Signal gar nicht. Achte auf Cluster: weicher, gehaltenen Blick + leichte Distanzverringerung + warme Stimme über mehrere Begegnungen.

Das ist normal nach Trennungen. Sammle Daten über drei Treffen in unterschiedlichen Kontexten. Zählt der Trend Richtung Ruhe und Annäherung, ist das aussagekräftig.

Nein. Sie sind Hinweise, keine Beweise. Nutze sie nur im Kontext anderer Signale und der Situation.

Nur, wenn die Signale eindeutig annähernd sind und der Kontext passt. Sonst lass Berührung früh vom Ex ausgehen.

Worte schlagen Körpersprache. „Ich will keinen Kontakt“ ist zu respektieren. Nutze Körpersprache dann zur Deeskalation (Distanz, ruhige Stimme, weicher Abschied).

Kaum verlässlich. Offline-Signale in echten Begegnungen sind viel aussagekräftiger als Likes oder Views.

Oft 2–6 Wochen mit 2–4 kurzen Begegnungen. Setze dir Checkpoints statt täglicher Bewertungen.

Achte auf Trends in kleinen Signalen (Blickdauer, Stimmwärme, freiwilliges Verweilen). Subtile Plus-Abweichungen zählen bei Introvertierten stark.

Setze dir eine „48-Stunden-Regel“ für Schlussfolgerungen, nutze das Protokoll, und hole dir nüchternes Feedback von außen.

Fazit: Hoffnung mit Haltung

Es ist vollkommen menschlich, in jeder Geste deines Ex ein Zeichen zu suchen. Wissenschaftlich betrachtet geben dir nonverbale Signale tatsächlich wertvolle Hinweise, ob noch Gefühle vorhanden sind – vor allem, wenn du sie als Muster über Zeit, Dimensionen und Kontexte hinweg beobachtest. Mit Ruhe, Respekt und einer klaren inneren Haltung wirst du jene Momente erkennen, in denen echte Nähe wieder möglich wird. Und du wirst ebenso klar erkennen, wann es klüger ist, den Fokus auf dich zu richten und weiterzugehen. Beides ist Stärke – und beides öffnet dir die Tür zu einem guten, würdevollen nächsten Kapitel.

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