Kontaktsperre bei Angststörung: Anpassungen

Kontaktsperre bei Angststörung: Wie du sie sicher anpasst und durchhältst.

20 Min. Lesezeit Kontaktsperre

Warum du diesen Artikel lesen solltest

Du möchtest eine Kontaktsperre durchhalten, um deine:n Ex zurückzugewinnen oder dich endlich zu stabilisieren – aber deine Angststörung macht dir einen Strich durch die Rechnung? Jede Funkstille fühlt sich an wie Fallhöhe ohne Netz: Herzrasen, Grübeln, Panik, Schlaflosigkeit. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du die Kontaktsperre bei Angststörung so anpasst, dass sie sicher, wirksam und human ist. Du bekommst wissenschaftlich fundierte Hintergründe (Bindung, Neurochemie, Trennungspsychologie) und eine praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Notfallplänen, Beispiel-Nachrichten und realistischen Szenarien. Ziel: weniger Leidensdruck, mehr Selbstkontrolle – und bessere Chancen, dass ein späterer Kontakt emotional reif, respektvoll und attraktiv wirkt.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Warum Kontaktsperre bei Angststörung anders ist

Die Kontaktsperre (No Contact, NC) unterbricht Reiz-Reaktions-Schleifen: keine Nachrichten, keine Anrufe, kein Stalking auf Social Media, kein „zufälliges“ Auftauchen. Sie reduziert Trigger, senkt Stress und ermöglicht emotionale Neubewertung. Doch bei einer Angststörung – z. B. generalisierte Angststörung (GAD), Panikstörung, sozialer Angst, Zwangsstörung (insbesondere Beziehungs-Zwangsgedanken), posttraumatischem Stress oder einem ängstlich-ambivalenten Bindungsstil – kann NC paradoxerweise die Angst zunächst verschärfen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern neurobiologisch erklärbar.

  • Bindung und Verlust: Nach Bowlby und Ainsworth bildet dein Nervensystem „innere Arbeitsmodelle“ von Nähe und Sicherheit. Ein plötzlicher Kontaktabbruch aktiviert Trennungsalarm: das Bindungssystem feuert auf Hochtouren. Wenn du eher ängstlich gebunden bist, reagierst du schneller und intensiver (Hazan & Shaver; Mikulincer & Shaver).
  • Neurochemie: Verliebtheit und Bindung aktivieren Dopamin-Belohnungssysteme und Oxytocin. Trennung „entzieht“ diese Signale. fMRI-Studien zeigen, dass Zurückweisung ähnliche Netzwerke wie physischer Schmerz aktiviert (Fisher et al.; Eisenberger & Lieberman). Zusätzlich steigen Cortisol und CRH (Stresshormone). Ergebnis: Unruhe, Schlafprobleme, Reizbarkeit, Körperpanik.
  • Kognitive Prozesse: Angst nährt sich von Unsicherheit. Kein Kontakt = Informationsvakuum. Das Gehirn füllt Lücken mit Worst-Case-Szenarien („Er/sie hat schon wen Neues“). Ruminieren und Reassurance-Seeking (ständiges Bestätigungs-Suchen) verstärken kurzfristig die Schein-Kontrolle, aber halten Angst langfristig aufrecht (Clark & Beck; Sbarra).
  • Digitale Trigger: Smartphones geben variable Verstärkung – manchmal reagiert der/die Ex sofort, manchmal gar nicht. Diese Unvorhersehbarkeit macht den „Hebel“ besonders süchtig machend und erhöht Craving (Meshi; Turel). Schon die Sichtbarkeit des Handys kann kognitive Kapazität verringern (Ward).

Kurz: Standard-NC kann bei dir stärkere „Entzugssymptome“ auslösen. Die Lösung ist nicht, NC zu vermeiden, sondern sie so zu gestalten, dass dein Nervensystem sie stemmen kann. Das verringert Rückfall-Risiko und erhöht die Heilungs- und Wiederannäherungschancen.

Die Neurochemie der Liebe ist vergleichbar mit einer Drogenabhängigkeit.

Dr. Helen Fisher , Anthropologin, Kinsey Institute

Warum Kontaktsperre grundsätzlich wirkt – und wo sie scheitert

  • Wirkprinzip 1: Reizreduktion. Weniger Kontakt = weniger Trigger = weniger akute Stressantworten. Das schafft Raum für Emotionsregulation und Neubewertung (Sbarra & Ferrer).
  • Wirkprinzip 2: Attraktivitäts-Rebound. Distanz erlaubt, alte Konfliktmuster zu verlassen. Wenn es später Kontakt gibt, wirkst du ruhiger, klarer, selbstbestimmter – das erhöht wahrgenommene Beziehungsqualität (Gottman; Hendrick & Hendrick).
  • Wirkprinzip 3: Lerntheorie. Ohne Belohnung (keine Antwort, kein „Ping“) schwächt sich das Drangverhalten ab (Extinktion). Begleitende Exposition mit Emotionsregulations-Tools fördert nachhaltige Beruhigung (Foa & Kozak; Craske et al.).

Wo scheitert NC? Wenn du:

  • es nur halbherzig umsetzt (Schleichkanäle wie Story-Views, Fake-Accounts, gemeinsame Freunde als Boten),
  • in ständige gedankliche Kontakte flüchtest (Rumination statt physischer Kontakt),
  • keine Ersatz-Regulation hast (Sport, Schlaf, soziale Unterstützung, Therapie),
  • dich in Sicherheitstaktiken verlierst (z. B. „Ich schreibe nur kurz, dann beruhige ich mich“), die Angst zyklisch füttern.

Die Lösung: eine modifizierte Kontaktsperre, die deine Angst ernst nimmt – ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Die 3 Kontaktsperre-Formate – und welches bei Angststörung passt

  • Harte Kontaktsperre: Null Kontakt, alles blockiert. Funktioniert, wenn keine gemeinsamen Verpflichtungen bestehen und du emotional stabil bist. Bei hoher Angst oft zu abrupt.
  • Weiche Kontaktsperre: Blockieren von Triggern, aber neutrales Minimal-Protokoll für echte Notfälle (z. B. nur E-Mail, die du 1x täglich prüfst). Für Angststörungen meist der Standard.
  • Strukturierte Kontaktsperre (modifiziert): Vorab definierte Regeln, Sicherheitsnetz (Therapeut:in, Buddy), klare Zeitfenster, Notfallplan, Social-Media-Protokoll und Skills-Paket für Angstspitzen. Für die meisten mit Angststörung die beste Wahl.

Harte NC

Maximale Distanz, hohe Reizreduktion. Risiko: starke Entzugssymptome bei Angst. Nur mit stabilem Netz und wenn sicher.

Weiche NC

Neutrale Minimal-Kanäle und Trigger-Management. Weniger Absturzgefahr, etwas langsamerer Entzugseffekt.

Strukturierte NC

Angepasst an Angst: Regeln, Skills, Check-ins, Notfallplan. Beste Balance aus Wirksamkeit und Sicherheit.

Sicherheitsprinzipien: Angst ernst nehmen, Ziele behalten

  • Sicherheit vor Strategie: Wenn du starke Panik, Selbstverletzungsdruck oder Suizidgedanken hast, hat Stabilisierung Priorität. Kontaktsperre darf nie gegen deine Sicherheit ausgespielt werden.
  • Klein anfangen, konsequent bleiben: Lieber 21–30 Tage strukturierte NC als 3 Tage harte NC mit Rückfall.
  • Transparenz vs. Trigger: Ein kurzes Boundary-Statement an den/die Ex kann bei ängstlichem Bindungsstil helfen, die Erwartung zu klären – wenn es dich beruhigt, nicht triggert.
  • Professionelle Begleitung: CBT/ACT/EFT-Therapeut:innen können helfen, Angstzyklen zu unterbrechen und Bindungsthemen zu klären.

Wichtig: Bei starken Symptomen (z. B. anhaltende Panikattacken, Gedanken an Selbstverletzung, Substanzmissbrauch, ausgeprägte Zwangsrituale) hol dir zeitnah professionelle Hilfe. Passe die Kontaktsperre gemeinsam mit Fachleuten an. Deine Sicherheit hat Vorrang. In akuten Krisen: Europaweiter Notruf 112. Deutschland: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 (kostenlos, 24/7).

Schritt-für-Schritt: Strukturierte Kontaktsperre bei Angststörung

Im Folgenden ein praxiserprobter Ablauf, den du mit deiner Situation und ggf. deiner Therapie abgleichst.

Phase 0

Vorbereitung (24–72 Stunden)

  • Ziel klären: Heilung und Klärung, nicht Strafe.
  • Format wählen: weiche oder strukturierte NC.
  • Sicherheitsnetz: 1–2 Vertrauenspersonen, ggf. Therapeut:in. Vereinbart Check-ins (z. B. Mo/Do), Notruf-Plan.
  • Kommunikationsprotokoll: Welche Kanäle sind erlaubt (z. B. nur E-Mail für Notfälle; Co-Parenting: nur Sachnachrichten)?
  • Social Media: Entfolgen, stummschalten oder blockieren. Entferne Schnellzugriffe auf Ex-Chat.
  • Trigger-Audit: Liste deine Haupt-Trigger (Orte, Songs, Uhrzeiten, Apps). Definiere Alternativen.
  • Skills-Set: 3–5 Tools parat: 4-7-8-Atmung, Bodyscan (5 Minuten), „Urge Surfing“ (Wellenmetapher, 90 Sekunden), kognitive Umstrukturierung (Gedanken-Check), 20-Minuten-Moderate-Exercise.
Phase 1

Akute Entzugsphase (Woche 1)

  • Micro-Ziele: 24 Stunden, dann 72 Stunden, dann 7 Tage. Zähle Etappensiege.
  • Delay-Regel: 30-Minuten-Verzögerung bei jedem Kontaktimpuls. Skills in dieser Zeit anwenden, dann Entscheidung re-evaluieren.
  • Telefon-Hygiene: Ex-Chat archivieren, Benachrichtigungen aus, Handy nachts außerhalb des Schlafzimmers.
  • Body First: Schlafrhythmus, regelmäßige Mahlzeiten, Hydration, Koffein limitieren. Tägliche 20–30 Minuten Bewegung.
  • Journaling: 10 Minuten pro Abend – Gefühl (0–10), Auslöser, angewandte Skills, Ergebnis.
Phase 2

Reaktivphase (Woche 2–3)

  • Kognitives Arbeiten: Faktencheck vs. Geschichten. Schreibe Worst-Case auf, dann Gegenbeweise.
  • Exposition light: 5–10 Minuten bewusst an Ex denken, ohne zu handeln, mit Atmung. Ziel: Gewöhnung an die Emotion, nicht Unterdrückung.
  • Soziale Stütze: 2–3 Verabredungen pro Woche. Keine Ex-Talk-Spirale; maximal 15 Minuten „Ex-Fenster“ pro Freund:in.
  • Wertearbeit: Was ist dir wichtig (z. B. Würde, Gesundheit, Kreativität)? 1 Aktion pro Tag in Richtung deiner Werte.
Phase 3

Stabilisierung (Woche 4–6)

  • Skill-Automatisierung: Tools ohne großen Aufwand anwenden.
  • Grenzen halten: Teste „Hochrisiko“-Situationen (z. B. Lieblingscafé) mit Begleitperson.
  • Identitätsarbeit: Wer bist du ohne Beziehung? Neue/alte Rollen stärken.
  • Outcome-Review Ende Woche 4: Heilung vs. Rückgewinnung – was fühlt sich stimmig an?
Phase 4

Entscheidungspunkt (nach 30–45 Tagen)

  • Option A: Verlängern der NC, wenn du noch stark reaktiv bist.
  • Option B: Überlegtes Re-Engagement: neutrale, kurze, wertorientierte Nachricht. Nur, wenn du stabil agieren kannst.

Konkrete Anpassungen für unterschiedliche Angstprofile

Jede Angststörung zeigt andere Muster. Passe die NC-Regeln entsprechend an.

Generalisierte Angststörung (GAD)

  • Problem: Dauergrübeln, Katastrophisieren („Was, wenn es für immer vorbei ist?“).
  • Anpassung: Struktur gibt Sicherheit. Setze feste Zeiten für Telefon- und Social-Media-Nutzung (z. B. 2 Blöcke à 30 Minuten/Tag). Notiere jede Sorge, verschiebe sie ins „Sorgenfenster“ (17:00–17:20 Uhr). Dann Problem-/Nicht-Problem trennen: lösbare Aufgaben vs. hypothetische Szenarien.
  • Beispiel: Jens (29) grübelt nachts. Lösung: „Sorge-Parkplatz“ neben dem Bett, progressive Muskelentspannung, Handy im Flur. Nach 10 Tagen schläft er wieder 6–7 Stunden.

Panikstörung

  • Problem: Körperliche Symptome werden als Gefahr fehlinterpretiert. Ex-Kontakt als vermeintliche Beruhigung.
  • Anpassung: Interozeptive Exposition in sicherem Rahmen (z. B. kontrollierte Hyperventilation für 30 Sekunden, dann Atmungsregulation), damit du Körperempfindungen neu lernst. NC-Regel bleibt: keine Nachricht während/kurz nach Panik. Vorab „Panikkarte“ erstellen: 4 Schritte (Atmen, Boden spüren, Satz: „Panik ist unangenehm, aber nicht gefährlich“, Wasser trinken).
  • Beispiel: Sarah (34) bekommt beim Gedanken an Funkstille Herzrasen. Sie übt 4-7-8-Atmung und „Urge Surfing“. Nach 3 Wochen gibt es noch Wellen, aber keine unkontrollierten Nachrichten mehr.

Soziale Angst

  • Problem: Angst vor Bewertung („Er/sie denkt, ich bin kalt/herzlos“), Vermeidung.
  • Anpassung: Mini-Expositionen außerhalb der Ex-Dynamik. 3x pro Woche eine kleine soziale Aktion (Barista ansprechen, Fitnesskurs). So reduzierst du den Drang, Bestätigung nur bei der Ex-Person zu suchen.
  • Beispiel: Marc (32) ersetzt das Schreiben an die Ex durch 10-Minuten-Gespräche mit Kolleg:innen. Nach 2 Wochen sinkt sein Drang, „nur kurz“ zu texten.

Zwangsstörung (Beziehungs-Zwangsgedanken)

  • Problem: Gedankenzwang („War es wahre Liebe?“), Zwangshandlungen (Nachrichten checken, alte Fotos scannen, Orakel-Fragen an Freund:innen).
  • Anpassung: Expositions- und Reaktionsmanagement (ERP): Trigger aufrufen (Bild der Ex sehen) + Reaktion unterlassen (kein Kontakt, kein Googeln). Setze eine Reaktionsverhinderungs-Uhr (10 Minuten, dann verlängern). Dokumentiere Angstkurven.
  • Beispiel: Jonas (41) legt ein „Nein-Experiment“ an: 7 Tage keine Foto-Ordner öffnen. Erstaunt stellt er fest, dass die Dringlichkeit nach Tag 3 abnimmt.

Trauma/Kumulative Verluste

  • Problem: NC kann alte Verlusttraumata anwerfen. Flashbacks, Dissoziation.
  • Anpassung: Sanftere Weichen, mehr Stabilisierung (Bodyscan, Safe-Place-Übungen, bilaterale Stimulation). Therapeutische Begleitung (EMDR/EFT) empfohlen. Kontakte klar regeln, aber weniger abrupt.
  • Beispiel: Leyla (27) hat Bindungstraumata. Sie wählt weiche NC mit einem kurzen Boundary-Statement, therapeutischer Begleitung und engmaschigen Check-ins mit ihrer besten Freundin.

Social-Media- und Digitalhygiene-Protokoll

  • Entfolgen/Blockieren: Wenn du bei jedem Scrollen retraumatisiert wirst, blockiere konsequent. „Nicht wissen“ schützt.
  • Kein passives Monitoring: Story-Views, Freundeslisten, „Online“-Status – alles aus. Verstecke Mutuals von der Startseite.
  • App-Architektur: Ex-Chat archivieren, Benachrichtigungen stumm, App in zweiten Screen verschieben. Optional: App-Blocker (Zeitlimits, Whitelist-Modus).
  • Digitale Fastenfenster: 60–120 Minuten nach dem Aufwachen und vor dem Schlafen keine Socials. Das stabilisiert Cortisolkurve und Schlaf.

72 Stunden

Die kritische Anfangsspanne. Plane Skills und Support engmaschig.

30–45 Tage

Typische Dauer für spürbare Beruhigung und Neubewertung.

20 Minuten

Tägliche Bewegung, die deine Angstregulation deutlich unterstützen kann.

Kognitive und körperliche Skills, die NC tragfähig machen

  • 4-7-8-Atmung: 4 Sekunden ein, 7 halten, 8 aus – 4 Zyklen, 3x täglich.
  • Bodyscan 5 Minuten: Fokus von Kopf zu Fuß, wahrnehmen ohne Urteil.
  • Urge Surfing: Stelle dir deinen Kontaktimpuls als Welle vor. Surfe 90–180 Sekunden, ohne zu handeln. Danach neu entscheiden.
  • Gedanken-Check: „Was ist Tatsache, was ist Geschichte? Welche alternative Erklärung gibt es?“
  • Wenn-dann-Pläne: „Wenn ich abends alleine bin und schreiben will, dann rufe ich meine Buddy-Person an und gehe 10 Minuten spazieren.“
  • Behavioral Activation: Täglich eine angenehme und eine sinnstiftende Aktivität.
  • Schlafschutz: Konstante Zeiten, kein Handy im Bett, Koffein-Stopp 8 Stunden vor Schlaf.

Kommunikation: Boundary-Statement und sachliche Ausnahmen

Ein Boundary-Statement kann bei Angst entlastend wirken – einmalig, kurz, ohne Drama. Beispiele:

  • Neutral und klar (keine gemeinsamen Verpflichtungen): „Ich brauche etwas Abstand, um mich zu sortieren. Ich melde mich in einigen Wochen wieder. Bitte respektiere das. Danke.“
  • Co-Parenting/Haustier/Logistik: „Für die nächsten Wochen kommunizieren wir nur zu den Kindern/Haustier-Übergaben. Sachlich per E-Mail, ich prüfe 1x pro Tag. Danke fürs Mittragen.“
  • Wenn du getriggert wirst und Grenzen setzen willst: „Ich antworte dir nicht auf persönliche Themen. Für Organisatorisches bitte E-Mail. Ich brauche Ruhe.“

Wichtig: Kein Vorwurf, keine Rechtfertigung, keine versteckten Köder („Vielleicht vermisst du mich dann“). Keine Updates zwischendurch.

Do/Don’t in der Praxis

  • Do: Sag deiner Vertrauensperson, dass du NC ausprobierst, und bitte um „Kontaktimpuls-Auffang“.
  • Do: Entferne alle Erinnerungs-Hotspots (Gerüche, Playlists). Erstelle „Notfallkiste“: Atemübung, Teebeutel, Kältepack, Post-it mit Werten.
  • Do: Setze „Sorgefenster“ und halte dich daran.
  • Don’t: Indirekte Kontaktversuche („Gefällt mir“ bei alten Posts, gemeinsame Orte aufsuchen).
  • Don’t: „Nur kurz nachfragen, ob es dir gut geht“ – das ist Reassurance-Seeking verkleidet.
  • Don’t: Dauerkontakt mit gemeinsamen Freund:innen über die Ex-Person. Maximal 15 Minuten/Tag, dann Thema wechseln.

Rückfälle und wie du sie reparierst

Rückfälle sind menschlich. Unterscheide:

  • Lapse (Ausrutscher): eine Nachricht, ein Profilblick. Reparatur: Notiere Trigger, führe 10 Minuten Skills durch, kehre zum Plan zurück. Kein Selbstbeschimpfen.
  • Relapse (Rückfall): längere Chat-Phase, Treffen. Reparatur: 24–48 Stunden Reflexionsphase mit Buddy/Therapeut:in, Plan nachschärfen (mehr Blockaden, engeres Supportnetz, mehr Offline-Aktivität), dann Neustart.

Formel: Fehler + Verantwortung + Anpassung = Fortschritt.

Re-Engagement nach der Kontaktsperre: Wenn, dann so

Voraussetzung: Du fühlst dich stabil, suchst keine Rettung und kannst ein Nein akzeptieren. Kriterien-Check:

  • 2 Wochen ohne starken Kontaktimpuls (<4/10) trotz Triggern.
  • Schlaf und Tagesstruktur stabil.
  • Kontaktwunsch aus Neugier und Wertschätzung, nicht aus Panik.

Erstkontakt-Vorlagen:

  • Leicht und wertorientiert: „Hi, ich hoffe, es geht dir gut. Ich hab über uns nachgedacht und habe jetzt mehr Klarheit über mich. Wenn du magst, lass uns nächste Woche 20 Minuten telefonieren, völlig ohne Druck.“
  • Sachlich (wenn es offene Dinge gibt): „Kurze Frage zur Kaution: Ich kann dir die Unterlagen bis Freitag senden. Wenn ein kurzes Telefonat passt, sag mir ein Fenster.“
  • Keine Romane, keine Beziehungsklärung per Text. Begrenze die Dauer (z. B. 20 Minuten). Nach Kontakt: 24 Stunden reflektieren, keine impulsiven Folge-Nachrichten.

Szenarien aus der Praxis

  • Sarah, 34, Panikstörung: Nach 2 Tagen NC eine Panikwelle. Sie nutzt 4-7-8-Atmung, kaltes Wasser, Buddy-Anruf. Schreibt nicht. Nach 15 Minuten sinkt die Welle. Nach 10 Tagen merkt sie: „Ich kann Gefühle surfen.“
  • Jens, 29, GAD: Er sammelt täglich „Beweise“, dass die Ex ihn vergessen hat. Intervention: „Beweis-Tagebuch“ mit Gegenhypothesen. Sorgenfenster 17:00–17:20. Nach 3 Wochen sinkt die Grübelzeit um 40% (subjektiv, nicht klinisch gemessen).
  • Leyla, 27, Bindungstrauma: Weiche NC, kurzes Boundary-Statement, Therapie-Check-ins. Socials blockiert. Nach 6 Wochen fühlt sie sich geerdeter und entscheidet, noch 4 Wochen zu verlängern.
  • Marc, 32, soziale Angst: Plant Wochenenden vor, verabredet Sport, probiert Impro-Workshop. Drang, „nur kurz“ zu texten, sinkt.
  • Anna, 38, Co-Parenting: BIFF-Methode (Brief, Informative, Friendly, Firm) für Übergaben. Beispiel: „Übergabe Freitag 18 Uhr, Haustür. Medikamente sind im Rucksack.“ Keine Zusatzthemen. Die Eskalationen stoppen.
  • Tom, 30, Zwangsgedanken: ERP mit Therapeuten. Foto-Ordner tabu, Reaktionsverhinderung. Nach 4 Wochen kann er Ex-Geschenke einlagern, ohne zu texten.

BIFF-Sachkommunikation (für Co-Parenting/Logistik)

  • Brief: kurz.
  • Informative: nur Fakten.
  • Friendly: höflicher Ton.
  • Firm: klare Entscheidung/Frist.

Beispiel: „Termin Kinderarzt Mi 15:00. Ich hole sie 14:30 ab, bringe sie 17:00 zurück. Passt das?“

Falsch: „Du meldest dich nie rechtzeitig. Denkst du auch mal an die Kinder?!“
Richtig: „Bitte bestätige bis Dienstag 18:00. Danke.“

Wertekompass statt Angstkompass

Angst will Kontrolle. Werte geben Richtung. Liste 5 Werte (z. B. Respekt, Ehrlichkeit, Mut, Fürsorge, Wachstum). Prüfe jede Handlung: Dient sie einem Wert oder nur der Angstlinderung? Wertebasierte Handlungen machen dich langfristig attraktiver – für dich selbst und für andere.

Ernährung, Schlaf, Substanzen

  • Stabiler Blutzucker (Proteine, komplexe Kohlenhydrate), ausreichend Omega-3 und Magnesium können subjektiv beruhigen (keine Wunderpille, aber Unterstützung).
  • Alkohol und exzessiver Koffein verstärken Angst. Reduziere, besonders in Phase 1–2.
  • Schlafhygiene: feste Zeiten, Dunkelheit, kühler Raum, kein Blaulicht vorm Schlafen.

Typische Denkfehler bei NC und wie du sie korrigierst

  • Gedankenkristallisation: „Wenn ich jetzt nicht schreibe, verliere ich ihn/sie für immer.“ – Alternative: Attraktiv ist Selbstregulation, nicht Alarmismus. Eine reife Kontaktaufnahme später wirkt stärker.
  • Alles-oder-nichts: „Entweder völlige Funkstille oder wir sind zusammen.“ – Alternative: Es gibt Phasen, Zwischenräume und Lernschleifen.
  • Gedankenlesen: „Er/sie denkt, ich bin kalt.“ – Alternative: Du kennst die Gedanken nicht. Wertebeständigkeit ist respektabel.

Messbare Routinen: Tracke, was wirkt

  • Angst 0–10 Skala morgens/abends.
  • Kontaktimpuls-Minuten pro Tag.
  • Rumination (Minuten) – zähle realistisch.
  • Bewegung (Minuten), Schlaf (Stunden), Soziale Interaktion (Anzahl).
  • Wöchentliche Review: Was senkte Angst um mindestens 1 Punkt? Mehr davon.

Beispiel-Tag in Woche 1 (strukturierte NC)

  • 07:30 Aufstehen, 10 Minuten Atem & Stretch, Handy im Flugmodus.
  • 08:00 Frühstück, 5 Minuten Journaling (Intention des Tages).
  • 09:00–12:00 Arbeit ohne Socials.
  • 12:30 20 Minuten Spaziergang.
  • 15:00 Sorgenfenster 20 Minuten, danach zurück zum Task.
  • 18:00 Freund:in anrufen (10 Minuten), Abendessen.
  • 20:00 5 Minuten Bodyscan, 20 Minuten Lesen.
  • 22:30 Schlafroutine, Handy im Flur.

Wenn der/die Ex dich kontaktiert während NC

  • Rule of 24: Warte 24 Stunden, bevor du entscheidest. Wenn es kein Notfall ist, antworte nicht.
  • Notfall/Logistik: Antworte sachlich, knapp, ohne Emojis, ohne Fragen, die neue Threads öffnen.
  • Teste deine Stabilität: Wenn dich eine Nachricht >2/10 reaktiviert, halte Antworten minimal und verschiebe offene Themen.

Beispiele:

  • „Danke für die Info. Ich melde mich nächste Woche dazu.“
  • „Für Organisatorisches bitte E-Mail. Ich prüfe täglich um 18 Uhr.“

Umgang mit gemeinsamen Freund:innen und Orten

  • Kurze, klare Ansage: „Ich mache gerade Abstand und rede kaum über die Trennung. Danke fürs Verständnis.“
  • Vermeide Ex-Diskussionen, bitte um Themenwechsel, setze Zeitfenster.
  • Orte rotieren: Nimm 2–3 Ersatzorte in deinen Alltag auf.

Mini-Experimente: So trainierst du dein Nervensystem

  • 10-Minuten-Alleinsein ohne Handy, danach 2-Minuten-Atmung. Ziele: Autonomie stärken.
  • „Lange Ausatmen“-Spaziergang: 4 Schritte ein, 6–8 aus. 15 Minuten.
  • „Kein-Orakel“-Tag: Keine Deutungen zu Ex-Signalen (Musik, Zitate). Ergebnis beobachten.

Wie NC deine Chancen auf ein gutes „Wir“ später verbessert

  • Du unterbrichst Konfliktmuster (Kritik, Defensivität, Verachtung, Mauern; Gottman).
  • Du signalisierst Selbstführung statt Bedürftigkeit – Grundlage sicherer Bindung (Johnson; Mikulincer & Shaver).
  • Du klärst, ob du wirklich zurück willst – nicht nur Angst beenden.

Beispiele für gute und schlechte Nachrichten

Falsch:
  • „Hi, wie geht’s? Ich hab so Angst ohne dich. Bitte antworte.“
  • „Hast du wen Neues? Ich halte das nicht aus.“
Richtig:
  • „Übergabe Freitag 18 Uhr wie vereinbart. Medikamente sind im Rucksack.“
  • (Nach NC, Re-Engagement) „Ich habe einiges reflektiert und würde gern 20 Minuten telefonieren, wenn du magst.“

Häufige Stolpersteine und Lösungen

  • Abends ist am schwersten: Plane 18–22 Uhr voll (Sport, Kochen, Telefonat, Lesen).
  • Jahrestage/Geburtstage: Vorbereiten, Buddy, Ritual (Kerze, Brief an dich selbst), früh schlafen.
  • Alkohol: Kein NC-Entscheider unter Einfluss. 30-Tage-Alkoholpause erwägen.

Erweiterte wissenschaftliche Einordnung: Inhibitorisches Lernen und Vorhersagefehler

  • Inhibitorisches Lernen: Nicht das „Auslöschen“ von Angst ist das Ziel, sondern das Erlernen neuer Sicherheitsassoziationen. Wenn du Kontaktimpulse aushältst, ohne zu schreiben, lernt dein Gehirn: „Die Welle klingt auch ohne Nachricht ab.“ Das neue Gedächtnis hemmt das alte.
  • Vorhersagefehler (Prediction Error): Am stärksten lernst du, wenn das Ergebnis besser ist als befürchtet (z. B. „Ich dachte, ich breche zusammen, aber nach 12 Minuten war es erträglich“). Dokumentiere solche Momente. Sie sind Treibstoff für Stabilität.
  • Vagus-Regulation: Längeres Ausatmen, Summen, Kälte im Gesicht stimulieren den ventralen Vagus und verschieben dich Richtung „sozial engagierter“ Zustände (Ruhe, Verbundenheit) – gute Basis für NC.

Bindungsstile vertieft – und was sie für NC bedeuten

  • Ängstlich-ambivalent: Hohe Nähe-Sehnsucht, starkes Reassurance-Seeking. NC-Anpassung: klares Boundary-Statement, enge soziale Stütze, tägliche Wertehandlung „Autonomie“ (z. B. solo ins Café, ohne Handy).
  • Vermeidend: Nähe wird schnell als Einengung erlebt, Distanz als Erleichterung. Risiko: NC wird zur Abwehr und verhindert echte Verarbeitung. Anpassung: Strukturiertes, nicht eskapistisches NC; gezielte Emotionsarbeit, kleine Dosen von Verbundenheit (Freundschaften pflegen).
  • Desorganisiert: Nähe und Distanz sind gleichermaßen bedrohlich. Hohe Triggeranfälligkeit. Anpassung: weiche NC mit therapeutischer Begleitung, Fokus auf Sicherheit, Grounding, klare Tagesstruktur.

Ruminations-Stop-Toolkit (mit Skript)

  • 5-4-3-2-1-Reset: Benenne 5 Dinge, die du siehst; 4, die du fühlst; 3, die du hörst; 2, die du riechst; 1, die du schmeckst. Danach 10 tiefe Atemzüge.
  • S.T.O.P.-Protokoll: Stop – Take a breath – Observe (Gedanken/Emotionen/Körper) – Proceed (wertebasiert handeln). Sag dir halblaut: „Ich handle, nicht meine Angst.“
  • Kognitiver Dreisatz: 1) Befürchtung („Er/sie vergisst mich“). 2) Alternative („Beide brauchen Raum, damit Neues entstehen kann“). 3) Verhalten („Ich gehe 10 Minuten spazieren“).
  • 10-Minuten-Regel: Grübeln ist erlaubt, aber terminiert. Timer stellen, danach bewusst Handlung wechseln (Dusche, Walk, Call).
  • NPS (Nett, präzise, sachlich) Selbstrede: „Ich darf traurig sein. Ich entscheide mich heute für Ruhe und Respekt.“

DBT-TIPP in der Kontaktsperre (Akutkoffer)

  • T (Temperatur): Kaltes Wasser ins Gesicht oder Eispack in ein Tuch, 20–30 Sekunden. Senkt kurzfristig die Erregung.
  • I (Intensive Bewegung): 60–120 Sekunden Hampelmänner/Wall-Sit/Burpees. Adrenalin abbauen.
  • P (Paced Breathing): Verlangsamtes, verlängertes Ausatmen (z. B. 4 ein, 6–8 aus) für 3–5 Minuten.
  • P (Progressive Muskelentspannung): Muskelgruppen anspannen/entspannen, 5 Minuten.

Wenn du schreiben willst: TIPP zuerst, dann erst entscheiden. 80% der Impulse verlieren danach an Dringlichkeit.

Hybrid-NC, wenn Kontakt unvermeidbar ist (Wohnen, Arbeit, Uni)

  • Sichtkanäle: Nur ein Kanal für Sachliches (E-Mail/Projekt-Tool). Keine DMs, keine Sprachnachrichten.
  • Zeitfenster: 1–2 feste Slots pro Tag (z. B. 12:00 und 18:00) für das Prüfen/Beantworten.
  • Format: Bullet-Points, keine emotionalen Inhalte, keine Fragen, die neue Schleifen erzeugen.
  • In-Person: „Höflich-distanziert“ – grüßen, sachlich bleiben, kurze Verweildauer. Vermeide „Smalltalk-Fallen“.
  • Exit-Sätze parat: „Ich muss zurück in den Call/ins Meeting.“ „Danke, ich habe die Infos. Bis später.“

Nachrichtenbibliothek: 15 sachliche Vorlagen und 10 Grenzen-Formulierungen

  • „Ich bestätige den Termin morgen 18:00. Übergabe an der Haustür.“
  • „Die Unterlagen liegen in deinem Briefkasten. Schönen Abend.“
  • „Ich prüfe E-Mails täglich um 18:00. Antwort folgt dann.“
  • „Bitte nutze für Organisatorisches nur E-Mail. Danke.“
  • „Rechnung erhalten, ich überweise bis Freitag.“
  • „Die Ersatzschlüssel gebe ich am Mittwoch an der Rezeption ab.“
  • „Ich kann dazu gerade nichts sagen. Wir bleiben bei der Abmachung.“
  • „Für persönliche Themen stehe ich aktuell nicht zur Verfügung.“
  • „Bitte keine Nachrichten nach 20:00. Danke fürs Respektieren.“
  • „Wir klären das schriftlich bis Freitag, ok?“
  • „Ich nehme deine Info zur Kenntnis.“
  • „Das passt. Ich melde mich, wenn ich es geprüft habe.“
  • „Kurze Rückfrage zum Mietkonto: IBAN korrekt?“
  • „Ich brauche zu diesem Thema 48 Stunden. Rückmeldung folgt.“
  • „Danke für die Koordination. Bis dann.“

Grenzen klar und freundlich:

  • „Ich antworte nicht auf persönliche Nachrichten. Bitte respektiere das.“
  • „Ich brauche Abstand und halte mich daran.“
  • „Wenn es um die Kinder geht, gern per E-Mail. Anderes bespreche ich nicht.“
  • „Ich lese deine Nachricht, antworte aber nicht auf Emotionales.“
  • „Bitte keine unangekündigten Besuche.“
  • „Ich blockiere Kanäle, die mich stressen. Das ist Selbstschutz.“
  • „Ich bin im NC. Für Notfälle: E-Mail, Betreff ‚Notfall‘.“
  • „Ich werde nicht diskutieren. Danke für dein Verständnis.“
  • „Ich halte mich an die vereinbarten Zeiten.“
  • „Ich möchte respektvoll bleiben und brauche dafür Ruhe.“

Wenn der/die Ex negativ reagiert

  • Kritik („Du bist unreif“): Antworte gar nicht oder maximal: „Ich verstehe, dass das schwierig ist. Ich brauche trotzdem Ruhe. Für Organisatorisches per E-Mail.“
  • Schuldumkehr („Du machst Drama“): „Ich will Drama vermeiden, deshalb halte ich Abstand.“
  • Köder („Ich habe Neuigkeiten…“): Keine Reaktion. Prüfe: Dient eine Antwort einem Wert? Meist: nein.

Selbsttest (keine Diagnose): Wo stehst du gerade?

Kreuze an, was in den letzten 7 Tagen häufig war:

  • [ ] Ich checke das Handy >30 Mal/Tag wegen möglicher Ex-Nachrichten.
  • [ ] Ich habe mehrere Male impulsiv getippt und wieder gelöscht.
  • [ ] Ich denke >60 Minuten/Tag an den/die Ex (geschätzt).
  • [ ] Mein Schlaf ist <6 Stunden an >3 Tagen.
  • [ ] Ich habe Social Media genutzt, um indirekt Infos zur Ex-Person zu sammeln.
  • [ ] Mein Kontaktimpuls liegt häufig bei ≥7/10.
  • [ ] Ich habe mich nach Kontakt schlechter gefühlt.
  • [ ] Ich habe mindestens 3 Skills eingesetzt (Atmung, Bewegung, Journaling, Buddy).
  • [ ] Ich habe ein „Sorgenfenster“ ausprobiert.
  • [ ] Ich habe an 3 Tagen bewusst offline-Zeiten eingehalten.

Je mehr Häkchen bei den oberen Punkten, desto mehr Struktur und Support brauchst du. Mehr Häkchen unten = gute Richtung – ausbauen.

7-Tage-Startplan (Woche 1) – Arbeitsblatt

  • Tag 1: Boundary-Statement senden (falls geplant), Apps stummschalten/blockieren, Notfallkiste packen.
  • Tag 2: 2x Bewegung (je 15 Minuten), 1x Buddy-Call, 10 Minuten Schreiben.
  • Tag 3: Sorgenfenster einführen, 5-4-3-2-1-Reset üben.
  • Tag 4: Lieblingsort meiden, Ersatzort testen, 20 Minuten Hobby.
  • Tag 5: Interozeptive Mini-Exposition (30 Sek. schneller atmen), danach Atmung regulieren.
  • Tag 6: Sozialer Mini-Kontakt (Smalltalk mit Fremden), 1 Akt „Wert: Mut“.
  • Tag 7: Wochenreview, Plan anpassen, kleine Belohnung.

Neurodiversität und NC (ADHS/Hochsensibilität)

  • ADHS: Impulskontrolle schwankt, Dopamin-Suche erhöht. Hilft: stärkere externe Schranken (App-Blocker, Buddy-„Sperre“), kürzere Etappenziele (6–12 Stunden), visuelle Reminder.
  • Hochsensibilität: Reizüberflutung schneller. Hilft: konsequente Reizdiät (Licht, Lärm, Socials), langsamere Exposition, mehr Self-Soothing (Tees, Düfte, Texturen).

Recht, Ethik, Respekt

  • Kein indirektes Kontaktieren über gemeinsame Freund:innen als Druckmittel.
  • Kein „Zufällig Auftauchen“ an Arbeitsplätzen/Wohnorten.
  • Dokumentiere bei Konflikten sachlich (Datum, Inhalt) – schützt beide Seiten.

Therapie integrieren: So holst du dir Unterstützung

  • Starte jede Sitzung mit: „Was hat die Angst auf 0–10 gemacht? Was hat geholfen?“
  • Bitte um ein gemeinsames Sicherheitsprotokoll (TIPP, Notfallnummern, Rückfallplan).
  • Vereinbare Hausaufgaben: 2 Skills/Tag, 10 Minuten. Nachhalten.

Vertiefende Routine-Ideen für Abende (Hochrisiko)

  • 30-Minuten „Analog-Zeit“: Duschen, kochen, Kerze. Kein Bildschirm.
  • „3 Gute Dinge“: Drei kleine Erfolge des Tages notieren (z. B. Impulsstopp).
  • Körperliche Ko-Regulation: Selbstmassage (Nacken/Handflächen), Dehnungen, Summen.

Entscheidungsbaum (verbale Skizze) bei Kontaktimpuls

  • Schritt 1: Skala 0–10 – Wie stark? Wenn ≥7: TIPP sofort. Wenn 4–6: 30-Minuten-Delay + Spaziergang. ≤3: Journaling 5 Minuten.
  • Schritt 2: Dient der Kontakt einem Wert (z. B. Fürsorge für Kind/Haustier/Vertrag)? Wenn nein: nicht senden. Wenn ja: NPS-Formulierung, 3 Sätze, dann senden zu festem Slot.
  • Schritt 3: Nachher 5 Minuten Reflexion: Wurde Angst weniger? Was habe ich gelernt?

Erweiterte Fallbeispiele

  • Duo-Wohnen nach Trennung: Paula (31) und Tim (33) teilen noch 6 Wochen die Wohnung. Hybrid-NC: Küchenzeiten getrennt, Kommunikationsboard nur für Haushalt, wöchentlicher 15-Minuten-Logistik-Slot. Ergebnis: weniger Eskalation, beide schlafen besser.
  • Fernbeziehung mit Zeitzonen: Amir (28) und Sofia (27). Lösung: Ein Slot/Tag zum Prüfen der Mails, Night-Mode absolut. Skills-„Tandem“ mit Freund in gleicher Zeitzone.
  • Arbeit im gleichen Team: Sabine (35) und Leo (36). Meeting-Regel: Sitzplätze getrennt, 1 Slack-Channel „Projekt-only“, keine DMs. BIFF-Style in allen Messages. Konflikte nehmen messbar ab.

Häufige Mythen zur Kontaktsperre – entlarvt

  • „Wer zuerst schreibt, verliert.“ – Reife Menschen „verlieren“ nicht, sie wählen bewusst. Timing und Haltung sind entscheidend.
  • „Blockieren ist kindisch.“ – Grenzen schützen Nervensysteme. Reife = passende Grenze zur Belastbarkeit.
  • „Wenn es Liebe ist, braucht es keine Kontaktsperre.“ – Manchmal braucht Liebe Abstand, um nicht in Muster zu kippen.

Kurze Mantras für akute Wellen

  • „Gefühl ist keine Gefahr.“
  • „Werte vor Wellen.“
  • „Ich surfe, nicht ich sinke.“
  • „Ich darf warten.“
  • „Klarheit entsteht in Ruhe.“

Fortgeschritten: Exposition mit Inhibitionsfokus (nur wenn stabil)

  • Stimulus-Hierarchie erstellen (z. B. Foto sehen = 4/10, Lieblingsort = 6/10, Song = 7/10).
  • Plane 2–3 kurze Expositionen/Woche mit Skills davor/danach. Ziel: Stehenlassen der Welle, nicht Verdrängen.
  • Notiere „besser als erwartet“-Momente. Diese prägen das neue Gedächtnis.

Schlaf vertieft: Wenn die Nacht zur Triggerzeit wird

  • Constant Wake Time: Aufstehzeit ist wichtiger als Einschlafzeit.
  • 90-Minuten-Regel: Keine schweren Themen 90 Minuten vor Schlaf. „Morgen-Korb“ für Gedanken.
  • Wenn wach: 15 Minuten Regel – raus aus dem Bett, leise Tätigkeit, zurück, wenn müde.

Ressourcenliste (kuratiert)

  • DBT-Skills-Apps (deutschsprachig) für TIPP und Achtsamkeit.
  • Atemtrainer-Apps mit einstellbarem Ausatem-Fokus.
  • App-Blocker (Whitelist-Modus) für Social Media.
  • Bücher: „Hold Me Tight“ (Johnson) für Bindung; „Cognitive Therapy of Anxiety Disorders“ (Clark & Beck) für Angstwerkzeuge.

Glossar (kurz)

  • NC: No Contact, Kontaktsperre.
  • ERP: Exposition mit Reaktionsverhinderung.
  • BIFF: Brief, Informative, Friendly, Firm.
  • Rumination: Grübeln ohne Problemlösung.
  • Inhibitorisches Lernen: Neues Sicherheitsgedächtnis hemmt alte Angstassoziationen.

FAQ

Ja, mit Anpassungen. Nutze weiche/strukturierte NC, Skills, soziale Stütze und ggf. Therapie. Beginne klein (24–72 h), steigere schrittweise.

Orientierungswert: 30–45 Tage, nicht als Dogma. Entscheidend sind Stabilitätsmarker (Schlaf, Impulskontrolle, Rumination runter). Verlängere, wenn du noch hochreaktiv bist.

Optional. Ein kurzes Boundary-Statement kann bei ängstlichem Stil entlasten. Wenn dich jede Antwort triggert, lass es. Sicherheit geht vor.

Weiche NC: nur sachliche Kommunikation, vorzugsweise per E-Mail, 1x täglich checken. BIFF-Methode. Keine persönlichen Themen.

Besprich einen Sicherheits- und Rückfallplan, übe Skills im Termin, tracke Werte. CBT/ACT/EFT können Angst- und Bindungsthemen parallel bearbeiten.

Nein. Repariere: Triggertagebuch, Plan nachschärfen (mehr Blocken, Buddy), zurück in NC. Ausrutscher sind Lernmaterial.

Blockieren ist Selbstschutz, kein Spiel. Wenn es deine Sicherheit stützt, ist es reif. Du kannst später entblocken, wenn du stabil bist.

Weniger Rumination, stabile Tage, klare Absicht, kein Rettungswunsch. Du akzeptierst ein Nein, bleibst respektvoll.

Temporär kann das sinnvoll sein. Alternativ: strikte Stummschaltung, App-Blocker, feste Zeiten. Wähle die mildeste Maßnahme, die wirkt.

Hol dir professionelle Hilfe. NC ist kein Ersatz für Behandlung. Stabilität und Sicherheit gehen vor jeder Strategie.

In der NC-Phase meist nein. Antworte wertschätzend und klar: „Danke, ich brauche erstmal Abstand. Ich melde mich, wenn ich bereit bin.“ Freundschaft kann später geprüft werden – aus Stabilität, nicht Angst.

Ja, aber nicht als Trigger-Futter. Packe sie in einen Ordner/Box außer Sicht. Setze dir einen Termin in 4–6 Wochen zum bewussten Entscheiden.

Wenn möglich: entschuldige dich früh. Wenn Pflicht: kurzer Auftritt, Buddy an der Seite, Exit-Plan, kein Alkohol.

Kann helfen, aber bei Trauma/hoher Angst besser mit Fokus auf Achtsamkeit-im-Außen (Gehmeditation, Sinnesfokus) statt intensiver Innenreisen. Grounding first.

Wertebasierte Distanz ist reif, nicht kalt. Formuliere einmal respektvoll dein Warum („Ich erhole mich gerade“). Danach Taten statt Rechtfertigungen.

Fazit mit Hoffnung

Kontaktsperre bei Angststörung ist kein Entweder-oder zwischen „stark sein“ und „untergehen“. Mit einer strukturierten, angstsensiblen Umsetzung schützt du dich vor Triggern, lernst, Gefühle zu surfen, gewinnst Autonomie zurück – und erhöhst die Chance, später in reifer Haltung zu entscheiden: zurück, neu beginnen oder loslassen. Du übst heute das, was du in jeder künftigen Beziehung brauchst: Selbstführung, Werteorientierung und respektvolle Grenzen. Angst hat eine laute Stimme, aber du wählst, wer das Steuer hält. Und das macht dich – mit oder ohne Ex – stark.

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