Kontaktsperre während Therapie: Kombinieren?

Kontaktsperre & Therapie kombinieren: Wann das sinnvoll ist – und wie.

22 Min. Lesezeit Kontaktsperre

Warum du diesen Artikel lesen solltest

Du fragst dich, ob eine Kontaktsperre (No Contact, NC) während deiner Therapie sinnvoll oder sogar kontraproduktiv ist? Du bist nicht allein. Nach Trennungen geraten Bindungssystem, Neurochemie und Emotionsregulation durcheinander. Der Drang zum Kontakt fühlt sich übermächtig an, während dein Verstand weiß: Abstand täte dir gut. Dieser Ratgeber zeigt dir – verständlich, wissenschaftlich fundiert und praxisnah – wie du Kontaktsperre und Therapie klug kombinierst, wann Ausnahmen sinnvoll sind und wie du Rückfälle vermeidest. Mit klaren Plänen, realen Beispielen, Kommunikationsskripten und Strategien, die sich auf Forschung zu Bindung (Bowlby, Ainsworth), Neurochemie der Liebe (Fisher, Acevedo, Young), Trennungsbewältigung (Sbarra, Field, Marshall) sowie Beziehungsarbeit (Gottman, Johnson) stützen.

Was bedeutet Kontaktsperre im Therapie-Kontext?

Kontaktsperre heißt: Für eine definierte Zeit reduzierst oder stoppst du aktiven Kontakt zur Ex-Person – keine Nachrichten, Anrufe, Social-Media-Interaktionen, keine zufälligen Begegnungen, keine indirekten Updates über Freundeskreise. Im Therapie-Kontext ist Kontaktsperre kein starrer Dogmatismus, sondern eine klinisch begründete Interventionsphase: Du schützt dich vor Triggern, reduzierst intermittierende Verstärkung (dieses auf und ab aus Hoffnungs-Kicks und Abstürzen), ermöglichst dein Nervensystem zu beruhigen, baust Selbstregulationsfähigkeiten auf – und nutzt die Therapie als sicheren Rahmen, um Gefühle zu verarbeiten, Bindungsmuster zu verstehen und Ziele zu klären.

Wichtig ist: Kontaktsperre ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt, kann sie Heilung beschleunigen, Rückfälle reduzieren und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, später konstruktiv und würdevoll Kontakt aufzunehmen – oder klar Nein zu sagen. Falsch eingesetzt (z. B. als Strafe, Drohung oder manipulative Taktik), wirkt sie oft gegenteilig: Eskalationen, Misstrauen, Schuldgefühle und innerer Konflikt nehmen zu.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Warum Kontaktsperre wirkt – und wie Therapie sie verstärkt

  • Bindungssystem: Bowlby und Ainsworth zeigten, dass Bindungssicherheit beeinflusst, wie wir Trennung verarbeiten. Nach einer Trennung feuert das Bindungssystem „Suche-Nähe“-Signale. Besonders bei ängstlicher Bindung entstehen starke Protestverhalten (Nachrichten, Bitten, Vorwürfe), während vermeidende Strategien eher Distanz wahren, aber innerlich weiter aktiviert sind. Therapie hilft, das eigene Muster zu erkennen und zielgerichtet zu regulieren.
  • Neurochemie der Liebe: Fisher und Kolleg:innen zeigten in fMRI-Studien, dass romantische Zurückweisung Belohnungs- und Suchtkreisläufe aktiviert (Striatum, VTA), ähnlich wie Entzug. Jede Nachricht kann wie ein „Dopamin-Kick“ wirken und die Abhängigkeitsschleife verstärken. Kontaktsperre reduziert diese Cue-Exposure, Therapie bietet Skills gegen Verlangen (Craving).
  • Schmerz und Rejection: Studien zu sozialem Schmerz (Eisenberger, Kross) zeigen Überlappungen mit körperlichem Schmerz. Deswegen kann schon ein Profilbild oder „Gesehen“-Häkchen weh tun. Kontaktsperre senkt Reizexposition, Therapie unterstützt beim Umgang mit Schmerz ohne Selbstabwertung.
  • Grübeln und Anpassung: Sbarra und Marshall fanden, dass anhaltender Kontakt, digitale Überwachung und „Beziehungsrückschau-Schleifen“ die Anpassung verlangsamen, während strukturierte Distanz und kognitive/emotionale Neubewertung helfen. Therapie adressiert dysfunktionale Denkmuster und fördert Sinnrekonstruktion (Neimeyer; Stroebe & Schut).
  • Emotions- und Verhaltensregulation: DBT/ACT/CBT-Ansätze zeigen, dass Fertigkeiten wie Achtsamkeit, Distresstoleranz, kognitive Umstrukturierung und wertegeleitetes Handeln Rückfallrisiken senken. Kontaktsperre ist hier vergleichbar mit Reizkontrolle bei Sucht: Auslöser minimieren, Skills maximieren.

Kurz: Kontaktsperre beruhigt die Physiologie, Therapie baut Kompetenzen auf. Zusammen erhöhen sie die Chance auf Klarheit, Würde und gesunde Entscheidungen – ob das am Ende Wiederannäherung oder losgelöste Trennung bedeutet.

Die Neurochemie der Liebe ist mit Belohnungs- und Suchtsystemen verflochten. Bei Zurückweisung zeigt das Gehirn Muster, die an Entzug erinnern – das erklärt, warum Distanz so schwer ist und zugleich so heilsam sein kann.

Dr. Helen Fisher , Anthropologin, Kinsey Institute

Wann Kontaktsperre und Therapie kombinieren – und wann nicht

Gute Gründe für die Kombination

  • Du erlebst starke Trigger: Jede Interaktion wirft dich emotional zurück, du schläfst schlecht, grübelst und funktionierst kaum. Kontaktsperre schafft Erholungsraum; Therapie hilft, Gefühle zu regulieren und neue Routinen aufzubauen.
  • Du rutscht in intermittierende Verstärkung: Hin und her, Hoffnungs-Nachrichten, dann Funkstille. NC unterbricht das Muster; Therapie hilft, die Dynamik zu verstehen und Selbstwert zu stabilisieren.
  • Es gab Verletzungen/Untreue: Du brauchst Boundaries, um Verletzungen zu verarbeiten, statt sie durch ständigen Kontakt zu reaktivieren.
  • Du willst später eine reife Wiederannäherung: Ein „Reset“ kann die Qualität künftigen Kontakts verbessern, weil du nicht aus Panik, sondern aus Klarheit handelst.

Vorsicht oder Alternativen

  • Sicherheitsthemen: Gewalt, Stalking, rechtliche Auseinandersetzungen. Hier gilt ein Sicherheits- und Rechtsplan statt reiner Kontaktsperre. Therapie arbeitet mit Sicherheitsplanung, ggf. mit Behörden.
  • Co-Parenting/Arbeitsverhältnis: Vollständige Kontaktsperre ist nicht realistisch. Lösung: Low-Contact mit strikt sachlicher Kommunikation.
  • Akute psychische Krisen: Bei Suizidalität, schweren Depressionen oder Abhängigkeit kann isolierende Kontaktsperre kontraindiziert sein. Hier eng mit Therapeut:in planen, Krisenplan nutzen und soziale Unterstützung stärken.
  • Gemeinsame Therapie: Bei Paartherapie ist NC oft begrenzt oder phasenweise. Klare Absprachen, respektierte Grenzen und definierte Kommunikationsfenster sind entscheidend.

Wichtig: Kontaktsperre darf niemals als Drohung oder Manipulation eingesetzt werden. Nutze sie als Selbstschutz- und Heilungsstrategie – transparent, wertebasiert und mit professioneller Begleitung, wenn möglich.

Formen der Kontaktsperre: Wähle die passende Intensität

Vollständige Kontaktsperre (NC)

  • Keine Nachrichten, Anrufe, Treffen, Social-Media-Checks, keine indirekten Updates.
  • Dauer: typischerweise 30–45 Tage zur Stabilisierung, verlängerbar.
  • Ziel: Nervensystem beruhigen, Cravings reduzieren, Perspektive gewinnen.

Strikte Low-Contact (LC)

  • Nur notwendige Sachkommunikation (z. B. Kinder, Finanzen, Arbeit).
  • Rahmen: BiFF-Schema (Brief, Informativ, Freundlich, Fest).
  • Ziel: Funktional kommunizieren, emotionalen Spillover minimieren.

Zeitfenster-Kontakt

  • Definierte Slots (z. B. montags 18–18:15 nur Logistik).
  • Ziel: Vorhersagbarkeit, weniger impulsives Schreiben, klare Erwartungen.

Dritte vermittelnde Instanz

  • Kommunikation über Mediation, Anwalt, Co-Parenting-App, Therapeut:in.
  • Ziel: Deeskalation, Dokumentation, Schutz deiner Grenzen.

Die 5 Säulen: Kontaktsperre während Therapie klug umsetzen

Säule 1

Klare Ziele und Hypothesen

  • Formuliere in der Therapie, warum du NC einsetzt: Stabilisierung, Selbstwert, Prüfstein deiner Werte, Musterunterbrechung.
  • Hypothese: „Wenn ich 30 Tage keinen Kontakt habe, sinkt mein Grübeln um 50%, und ich schlafe wieder 6–7 Stunden.“
  • Messbar machen: wöchentliche Ratings (0–10) für Anspannung, Drang zu schreiben, Schlafqualität.
Säule 2

Sicherheits- und Ausnahmeplan

  • Was sind legitime Ausnahmen? Sicherheit, medizinische Notfälle, rechtliche Anforderungen, Kinderbelange.
  • Lege fest, über welche Kanäle Ausnahmen laufen (z. B. nur E-Mail).
  • Erstelle Vorlagen für Notfallkommunikation, damit du im Ernstfall sachlich bleibst.
Säule 3

Stimulus-Kontrolle & digitale Hygiene

  • Mute, Unfollow, Archive-Chats, entferne Schnellzugriffe, „Bildschirmzeit“-Limits.
  • Ersetze triggernde Gewohnheiten (Abendscrollen) durch Coping-Rituale (5-Min-Atemtechnik, Tagebuch).
  • Vereinbare „Pufferzeiten“: Antworten niemals impulsiv, sondern frühestens nach 12–24 Stunden (ausgenommen Notfälle).
Säule 4

Skills-Training in der Therapie

  • DBT Distresstoleranz (TIPP, STOPP), Achtsamkeit, kognitive Umstrukturierung, ACT-Wertearbeit.
  • Körperregulation: Schlafhygiene, Bewegung, Atemarbeit, soziale Unterstützung.
  • Expositionsdosis kontrollieren: Kleine dosierte Trigger in der Sitzung verarbeiten, statt sie allein zu erleiden.
Säule 5

Review, Reframing und Re-Entry

  • Wöchentlich Bilanz: Was half, was triggert?
  • Reframe: NC ist Selbstfürsorge, kein „Spielchen“.
  • Re-Entry-Plan: Wenn du Kontakt wieder zulässt, dann bewusst, wertebasiert, mit klarer Agenda und Grenzen.

Neuropsychologische Mechanik: Warum jede Nachricht dich „zurückwirft“ – und wie du das stoppst

  • Intermittierende Verstärkung: Unvorhersehbare Antworten aktivieren Dopamin und halten dich im Suchtmuster. NC ist wie das Stoppen der Slotmachine.
  • Kontextreize: Klingelton, Orts- und Zeitanker (Freitagabend) können Cravings auslösen. Therapie hilft, diese Reize zu identifizieren und alternative Verhaltensketten zu etablieren.
  • Somatische Marker: Dein Körper speichert Beziehungs-assoziierte Erregung. Achtsamkeitsbasierte Körperarbeit (Bodyscan, „Name it to tame it“) entkoppelt Trigger und Reaktion.
  • Kognitive Verzerrungen: Mind Reading („Er denkt sicher…“), Katastrophisieren („Für immer allein“), selektive Erinnerung. In CBT-Sitzungen werden sie erkannt und durch evidenzbasierte Gedanken ersetzt.

70–90%

Menschen berichten in Studien in den ersten Wochen nach Trennung stark erhöhtes Verlangen nach Kontakt – vergleichbar mit Entzugssymptomen.

30–45 Tage

Typische Stabilisierungsspanne, in der Schlaf, Grübeln und Stress spürbar sinken – Grundlage für klare Entscheidungen.

3–5 Skills

Eine kleine, konsequent angewendete Skill-Auswahl (Atem, STOPP, BiFF, Wertekarte, Schlafroutine) macht den größten Unterschied.

Praktische Umsetzung Schritt für Schritt

  1. Offenlegung in der Therapie: Teile deinem/er Therapeut:in mit, dass du eine Kontaktsperre planst. Besprecht Ziele, Risiken, Ausnahmen, Messgrößen und Support. Vereinbart ein Notfallprotokoll (z. B. bei Panikattacke, Cravings).
  2. Formale Ankündigung an die Ex-Person (optional): Wenn eure Dynamik es erfordert, sende eine kurze, respektvolle Mitteilung: „Ich brauche für x Wochen Abstand, um die Trennung zu verarbeiten. In dringenden organisatorischen Fragen erreichst du mich per E-Mail. Danke für dein Verständnis.“ Keine Vorwürfe, keine Verhandlung.
  3. Digitale Hygiene: Stumm schalten, archivieren, Social-Media entflechten, Foto-Trigger reduzieren (Album auslagern). Notiere passwortsicher alle Logins, um impulsives Wiederanmelden zu vermeiden.
  4. Tagesstruktur: Plane konkrete Slots für Bewegung, Schlaf, Mahlzeiten, soziale Kontakte, Therapie-Hausaufgaben. Leere Zeit ist Kontakt-Trigger Zeit.
  5. Skills-Praxis:
  • STOPP: Stopp – Tief atmen – Beobachten – Perspektive prüfen – Plan umsetzen.
  • 4-7-8 Atem: 4 Sekunden ein, 7 halten, 8 aus, 4–6 Wiederholungen.
  • Urge Surfing: Craving wie eine Welle beobachten; Peak dauert selten länger als 10–20 Minuten.
  • Selbstmitgefühl: „Das ist schwer, und ich bin freundlich zu mir.“
  1. Social Support: Vereinbare mit 1–2 Freund:innen „SOS“-Regeln: Anrufen bevor du schreibst; 24h-Delay; gemeinsam spazieren gehen statt texten.
  2. Wöchentlicher Review: Skala für Grübeln, Schlaf, Stimmung; schreibe kurze Lernnotizen: „Was half? Was nicht? Nächster Fokus?“
  3. Abschluss und Re-Entry: Nach 30–45 Tagen gemeinsam mit Therapeut:in entscheiden: Klarer Abschluss? Oder vorsichtiger Testkontakt mit festem Rahmen?

Kontaktsperre und Therapieformen: Wie du sinnvoll kombinierst

  • Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Nutze NC, um Reizreduktion zu erreichen, während du Gedankenprotokolle führst und kognitive Verzerrungen bearbeitest. Hausaufgaben: Reframing, Aktivitätsaufbau, Exposition mit Antwortverhinderung (z. B. Nachricht formulieren, aber nicht senden).
  • Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT): NC schafft Raum, um Gefühlen Platz zu geben und wertegeleitet zu handeln. Wertekarte: „Wie will ich in mir selbst und anderen Beziehungen erscheinen?“ Defusion: Gedanken sind Ereignisse, keine Befehle.
  • Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): Distresstoleranz (TIPP, Kälte, Bewegung), Emotionsregulation (PLEAS), Achtsamkeit (Beobachten, Beschreiben, Teilnehmen). NC als Reizkontrolle plus Fertigkeitentraining.
  • Schematherapie: NC hilft, Trigger zu reduzieren, während du Modusarbeit machst (Verlassenes Kind, Strenger Kritiker).
  • Psychodynamisch/Tiefenpsychologie: NC schützt den Prozess, damit Übertragung/Abwehrmuster sichtbar werden, ohne ständig neue Beziehungsreize.
  • Emotionally Focused Therapy (EFT) für Paare: Wenn es eine Perspektive auf Wiederannäherung gibt, kann eine zeitlich begrenzte NC-Phase helfen, Eskalationen zu beruhigen, bevor regulierte Paarsitzungen stattfinden. Wichtig: NC hier immer abgestimmt und transparent.

Kommunikationsskripte: Wenn du trotz NC musst

  • Co-Parenting (BiFF): „Übergabe Freitag 18:00 an der Schule. Bitte die Hausaufgabenmappe mitgeben. Danke.“
  • Finanzielles: „Überweisung der Stromnachzahlung bis 15.11. an IBAN DE..., Verwendungszweck: Nachzahlung 2025. Vielen Dank.“
  • Grenzsetzung: „Ich habe um 30 Tage Funkstille gebeten. Bitte respektiere das. In Notfällen erreichst du mich per E-Mail.“
  • Unerwarteter Kontakt: „Ich bin gerade in einer Kontaktsperre zu meiner Stabilisierung und kann darauf nicht eingehen. Ich melde mich nach Datum X, falls noch nötig.“
Falsch: „Warum ignorierst du mich? Du hast alles zerstört!“
Richtig: „Ich antworte nicht auf persönliche Themen während der vereinbarten Kontaktsperre.“

Häufige Herausforderungen und wie du sie meisterst

  • Der „Nur kurz hallo“-Impuls: Nutze 24h-Delay und ersetze durch „Brief, den du nicht sendest“. Bringe ihn zur Therapiesitzung und reflektiere.
  • Social-Media-Rückfall: Entferne Apps, nutze App-Limits. Vereinbare „Account-Wächter“: Freund:in hält temporär dein Passwort.
  • Gemeinsamer Freundeskreis: Bitte Vertraute, dich nicht über Ex-Updates zu informieren. Wenn sie es doch tun, antworte mit Standardphrase: „Danke, aktuell möchte ich keine Infos dazu.“
  • Arbeit/Studium: Strukturiere Begegnungen: kurze, sachliche Interaktionen, keine privaten Themen, klare Ausstiegsfloskeln: „Ich habe einen Termin, bis später.“
  • Feiertage/Geburtstage: Plane im Voraus. Erstelle „Feiertags-Protokoll“ mit Aktivitäten, Kontakten, Ausweichstrategien.
  • Schuldgefühle: Reframe in der Therapie: Grenzen sind Fürsorge, nicht Strafe.
  • Ex meldet sich dramatisch: Prüfe mit STOPP. Wenn kein Notfall: Standardantwort oder keine Reaktion. Notiere und bespreche in Therapie.

Szenarien aus der Praxis

  • Sarah, 34, ängstlich gebunden: Nach einer Trennung checkt sie stündlich Instagram. Therapie vereinbart 30 Tage NC, Social-Media-Detox, tägliche Achtsamkeitsübung. Nach 2 Wochen sinkt ihr Drang von 9/10 auf 5/10. Rückfall an Tag 12? In Therapie analysiert: Auslöser war Einsamkeit sonntags. Lösung: Sonntags feste Verabredung und Spaziergänge. Nach 5 Wochen fühlt sie erstmals Ruhe.
  • Jonas, 29, vermeidend gebunden: Er schreibt nie, stalkt aber. NC plus Journaling zu Näheangst und Wertearbeit. Er merkt, dass Distanz sein altes Muster verstärkt hat. Therapie nutzt die NC-Zeit, um „vermeidendes Schutzsystem“ zu verstehen. Ergebnis: Er initiiert später einen reifen Abschlussbrief – ohne „Flucht“.
  • Leyla, 41, Co-Parenting: Komplettes NC ist unmöglich. Sie wechselt zu Low-Contact via Co-Parenting-App, nur Logistik. In Therapie lernt sie BiFF und Konfliktdeeskalation. Der Stress bei Übergaben sinkt deutlich.
  • Paul, 37, Untreue in der Beziehung: Beide in Einzeltherapie. Sie einigen sich auf 45 Tage Kontaktsperre, um Eskalationen und „Kontaktsucht“ zu durchbrechen. Nach 6 Wochen beginnen sie mit EFT-Paarsitzungen. Der Ton ist ruhiger, Verletzungen können benannt werden, ohne zu explodieren.
  • Mira, 32, Panikattacken: Vollständiges NC ist zu hart. Sie wählt „halbe NC“: keine Social-Media-Checks, aber ein 15-Minuten-Fenster montags für Orga. Therapie trainiert TIPP-Fertigkeiten. Nach 3 Wochen ist Mira stabil genug für vollständiges NC.
  • Daniel, 45, Arbeitsplatz geteilt: Grenzen klar definieren: nur arbeitsbezogene Themen, keine Privatgespräche, Mittagspause versetzt. Therapie unterstützt mit Rollenspielen.
  • Kim, 28, Ex droht mit Selbstverletzung: Sicherheit geht vor. Therapie + professionelle Hilfe einschalten, klare Notfallwege. Keine Übernahme von Verantwortung für die Gesundheit des Ex, aber ernst nehmen, dokumentieren und an Hilfsstellen verweisen.
  • Hannah, 36, ambivalente Hoffnung: Sie möchte Ex zurück, aber jede Nachricht endet mit Streit. NC als „Reset“ mit klarer Re-Entry-Strategie. Nach 30 Tagen sendet sie eine neutrale „Wohlwollensnachricht“. Es folgt ein ruhiges, kurzes Treffen mit klarer Agenda.

Therapieaufgaben während der Kontaktsperre: Was du konkret tust

  • Emotionsprotokoll: 1x täglich 5 Minuten. Gefühl benennen, Intensität 0–10, Auslöser, Bedürfnis, Skill eingesetzt.
  • Kognitive Umstrukturierung: Schreibe „Katastrophen-Gedanken“ auf und prüfe Evidenz dafür/dagegen. Formuliere einen balancierten Alternativgedanken.
  • Werte-Check-in (ACT): Welche 3 Werte möchtest du in den nächsten 7 Tagen leben (z. B. Respekt, Mut, Fürsorge)? Welche 1–2 Handlungen zeigen das?
  • Körperregulation: 150 Minuten Bewegung/Woche, Schlaffenster 7,5–8,5 Stunden, Koffein bis 14 Uhr, Abendritual ohne Bildschirm.
  • Soziales: 2 verbindliche Termine pro Woche, die dir guttun.
  • Sinnrekonstruktion: Schreibe wöchentlich 1 Seite „Was habe ich über mich gelernt?“
  • Digitale Grenzen: Kein Social-Media-Scrollen nach 21 Uhr, Handy außerhalb des Schlafzimmers.

Sonderfälle: Gemeinsame Therapie, aber Kontaktsperre – geht das?

Ja, wenn ihr es sauber strukturiert.

  • Vor der Paarsitzung: Kein privater Austausch, nur Terminkoordination.
  • In der Sitzung: Emotionen ausdrücken, Verletzungen benennen, „weiche“ Gefühle (Trauer, Angst) statt Angriffe. Therapeut:in moderiert.
  • Nach der Sitzung: 24h keine Nachverarbeitung miteinander. Eigene Reflexion, dann wahlweise kurze Zusammenfassung an Therapeut:in.
  • Review alle 2–3 Wochen: Hält NC noch? Braucht es Anpassungen?

Wenn eines von euch beiden NC nicht halten kann, ist das kein Versagen – es ist Information. Bringt es in die Therapie, versteht die Auslöser und passt den Plan an. Wachstum ist iterativ.

Messbar bleiben: So trackst du Fortschritt

  • Wöchentliche Skalen: Grübeln, Drang, Schlaf, Stimmung, Funktionsniveau.
  • Meilensteine: 3 Tage ohne Social-Media-Check, 7 Tage ohne DMs, 14 Tage stabiler Schlaf, 21 Tage neutrales Denken.
  • Rückfallprotokoll: Was passierte 2 Stunden davor? Wo war ich? Mit wem? Was habe ich gebraucht? Welche Skill-Alternative gibt es?

Kontaktsperre beenden – aber richtig

Überlege mit deiner/m Therapeut:in:

  • Bist du stabil genug, um eine Antwort zu verkraften – egal wie sie ausfällt?
  • Weißt du, was du willst? Abschluss, Informationen, oder prüfender Kaffee?
  • Hast du eine Agenda, Zeitrahmen und Ausstiegssatz?

Beispiel-„Re-Entry“-Nachricht: „Hi Alex, ich hoffe, es geht dir gut. Ich habe die letzte Zeit genutzt, um vieles zu sortieren. Wenn es für dich passt, könnten wir uns in der nächsten Woche 30 Minuten auf einen Kaffee treffen, um xy sachlich zu besprechen. Wenn nicht, ist das für mich auch okay.“

Regeln fürs Treffen:

  • Neutraler Ort, maximal 45 Minuten, kein Alkohol.
  • Agenda: 1–2 Themen.
  • Kein „Statusgespräch“ über Beziehung ohne vorherige Absprache.
  • Nachbereitung allein oder mit Therapeut:in, keine Nachbesprechung direkt miteinander.

Ethik, Grenzen und Selbstschutz

  • Transparenz: Teile deinem/er Therapeut:in offen mit, wenn du die NC-Regeln verletzt hast. Das ist keine Prüfung – es ist Datengewinn.
  • Selbstachtung: Wähle NC, weil du dich schützt und wachsen willst, nicht um zu strafen.
  • Fremdachtung: Ankündigungen respektvoll formulieren, Versprechen halten, keine „heimlichen“ Taktiken (Eifersuchtsschüren, Tests).
  • Sicherheit priorisieren: Gewalt, Zwang, Erpressung bedeuten: NC in Kombination mit Sicherheitsplan und jurischer Beratung.

Wenn du gemeinsam Kinder hast: Kontaktsperre als Low-Contact

  • Kommunikationskanal: Nur Co-Parenting-App oder E-Mail.
  • Format: BiFF – kurz, informativ, freundlich, fest.
  • Kalender: Feste Übergaben, Pufferzeiten.
  • Keine Partner-Themen über Kinderkanal.
  • Grenzen bei Missachtung: „Ich antworte nur auf Kinderbelange. Bei weiteren persönlichen Nachrichten schalte ich die App auf Filter.“

Beispiel: „Re: Arzttermin – 12.11., 15 Uhr. Ich übernehme. Bitte Impfpass mitgeben. Rückübergabe 17:30. Danke.“

Arbeit und Studium: Professionelle Distanz

  • Kommunikationsregeln schriftlich festhalten: Zuständigkeiten, Kanäle, Uhrzeiten.
  • Meetings: Agenda im Voraus, Protokoll, keine Privatgespräche.
  • Körperliche Distanz: Sitzordnung, Pausenplanung, alternierende Schichten.
  • Wenn Grenzverletzungen auftreten: HR oder Vorgesetzte einbeziehen.

Rückfälle: Normal – aber nicht egal

Rückfälle sind Daten, keine Urteile.

  • Sofortmaßnahme: STOPP, 4-7-8 Atem, jemandem Bescheid geben, 24h keine weitere Nachricht.
  • Analyse in Therapie: Bedürfnis herausarbeiten (Tröstung, Klarheit, Kontrolle, Kontakt), alternative Wege definieren.
  • Anpassung: Vielleicht war NC zu streng oder zu locker. Feinjustiere Intensität, Skills, soziale Unterstützung.

Mini-Handbuch für Krisen

  • Notfallkarte: 3 Personen, die du anrufst; 3 Skills; 3 Sätze, die dir helfen.
  • TIPP: Kaltes Wasser im Gesicht, 20 Jumping Jacks, 60 Sekunden Power-Atmung.
  • Doppelte Absicherung: Apps löschen und zusätzlich ein „Delay Tool“ wie E-Mail-Entwürfe statt Sofortversand nutzen.
  • Nachtprotokoll: Wenn nachts Trigger kommen, schreibe einen „Nicht-Absende-Brief“, lege das Handy in einen anderen Raum und mache 10 Minuten Body Scan.

Was, wenn die Ex-Person die Kontaktsperre nicht respektiert?

  • Erste Stufe: Standardantwort, dann Stille.
  • Zweite Stufe: Formale Grenzerinnerung.
  • Dritte Stufe: Kanalwechsel (nur E-Mail), Filter, Blockierung.
  • Vierte Stufe: Dokumentation, ggf. rechtliche Schritte.

Beispielformulierung: „Ich habe um 30 Tage Kontaktsperre gebeten. Ich antworte nicht auf persönliche Nachrichten. In dringenden organisatorischen Fällen nutze bitte E-Mail. Sollten persönliche Nachrichten weiter eingehen, werde ich die Kanäle blockieren.“

Mythen über Kontaktsperre – was Forschung wirklich sagt

  • Mythos: „NC ist Spielchen.“ Realität: Reizreduktion und Emotionsstabilisierung sind evidenzbasiert wirksam, ähnlich wie bei Sucht- und Zwangsbehandlungen.
  • Mythos: „Wer NC macht, will den/die Ex manipulieren.“ Realität: Motivation zählt. In Therapie wird geklärt, ob NC Selbstschutz oder Taktik ist. Letzteres ist unethisch und ineffektiv.
  • Mythos: „Wenn ich nicht schreibe, vergisst er/sie mich.“ Realität: Studien zeigen, dass respektvolle Distanz oft Deeskalation und späteren, reiferen Kontakt ermöglicht – und wenn nicht, schützt NC dich trotzdem.

Fortschritt feiern – ohne Rückfall zu riskieren

  • Belohnungen ohne Ex-Bezug: Mini-Trip, neues Buch, Kurs, Massage.
  • Dankbarkeitspraxis: 3 Dinge täglich.
  • Micro-Feiern: 3 Tage ohne Check? Kleines Ritual (Lieblingskaffee, Playlist).

Wenn du Ex zurück willst: Wie NC und Therapie die Chancen beeinflussen

  • NC ist kein Zaubertrick, aber oft Voraussetzung, um aus dem „Protest/Vermeidung“-Kreislauf auszusteigen.
  • Therapie hilft, Bindungsmuster zu heilen und Attraktivität langfristig zu steigern (emotionale Stabilität, Klarheit, Grenzen).
  • Re-Entry sollte nicht mit Druck oder Tests beginnen, sondern mit wertschätzender Neutralität.
  • Wenn es wieder zueinander geht, dann, weil beide gereift sind – nicht, weil der Dopaminkick zurück ist.

Wenn du loslassen willst: NC als Trauerarbeit

  • Dual Process Model: Pendeln zwischen Verlustorientierung (Trauer zulassen) und Wiederherstellung (neue Routinen). NC erleichtert dieses Pendeln, weil es die Reizüberflutung reduziert.
  • Sinnrekonstruktion: Was bedeutet diese Erfahrung für deine Identität, deine Werte, deine künftige Wahl von Beziehungen?
  • Rituale: Abschiedsbrief (nicht senden), Symbolisches Loslassen, Box der Erinnerungen (aufräumen, abschließen).

Ein 6-Wochen-Plan: NC und Therapie kombinieren

  • Woche 1: Ankündigung (optional), digitale Hygiene, Sicherheitsplan, Skills-Start, Schlaf priorisieren.
  • Woche 2: Trigger-Analyse, Wochenend-Protokoll, Social Support aktivieren, erste Erfolgsmessung.
  • Woche 3: Wertearbeit vertiefen, kleine Exposure in der Sitzung (z. B. Lesen alter Chats, nicht antworten), Rückfallprävention planen.
  • Woche 4: Soziale Identität stärken (Hobbys, Netzwerke), evtl. Sinnrekonstruktion schreiben.
  • Woche 5: Review: Braucht es mehr NC? Oder Re-Entry-Vorbereitung?
  • Woche 6: Entscheidung: Abschluss oder vorsichtiger Kontakt mit klarer Agenda.

Checklisten

  • Vor NC: Ziele, Dauer, Ausnahmen, Kanäle, Skripte, Support, Skills, digitale Hygiene.
  • Während NC: Wöchentliche Ratings, Tagesstruktur, Notfallkarte, soziale Termine, Schlaf.
  • Re-Entry: Ziel, Agenda, Ort/Zeit, Grenzen, Nachbereitung.

Was sagt dein Körper? Somatische Signale lesen

  • Brustdruck, flacher Atem, „Kloß im Hals“ – Zeichen für Aktivierung.
  • Intervention: 90-Sekunden-Reset (langsames Ausatmen, Schütteln, Dehnen).
  • Schlaf-Warnzeichen: Wenn du 3 Nächte < 5h schläfst, ärztliche Abklärung und Schlafhygiene intensivieren.

Rolle der Therapeut:in: Kompass, nicht Kommandant:in

  • Kollaborativ: Plan gemeinsam erstellen, nicht verordnen.
  • Flexibel: Intensität und Dauer nach Daten anpassen.
  • Ressourcenorientiert: Stärken benennen, nicht nur Probleme.
  • Evidenzbasiert: Skills und Literatur einbeziehen, Progress messen.

Beispielprotokolle

  • 24h-Delay-Formular: „Auslöser – Gedanke – Gefühl – Bedürfnis – Alternative – 24h-Plan – Ergebnis“.
  • BiFF-Vorlage: „Betreff – Sachinfo – knapper freundlicher Ton – klare Grenze/Bitte“.
  • Rückfallblatt: „Was habe ich gesucht? Verbindung, Klarheit, Kontrolle, Rache? Wie kann ich mir das gesund holen?“

Mikro-Interventionen im Alltag

  • 3-3-3-Regel: 3 Dinge sehen, 3 Dinge hören, 3 Körperempfindungen – erdet in 60 Sekunden.
  • 5-Minuten-Aufräumen des Ex-Ökosystems: Erinnerungsgegenstände in eine Box, außer Sicht.
  • „Wenn-dann“-Pläne: „Wenn ich den Drang habe zu schreiben, dann trinke ich zuerst ein Glas Wasser, atme 4-7-8, gehe 5 Minuten raus.“

Warnsignale: Wann du den Plan sofort überprüfen solltest

  • Zunehmende Aggressionen, Drohungen, Grenzverletzungen von Ex.
  • Eigene Symptome verschlimmern sich deutlich (Panik, Selbstverletzungsgedanken).
  • Co-Parenting leidet massiv.
  • Du nutzt NC, um zu strafen.

In all diesen Fällen: Mit Therapeut:in und ggf. Fachstellen neu planen.

Langfristige Integration

  • Bindungskompetenz: Sicherheit entsteht durch Klarheit, Konsistenz, Selbstregulation.
  • Beziehungswahl: Erkenne frühe Warnzeichen in neuen Beziehungen.
  • Wertegeleitete Routine: Pflege die Skills über die NC-Zeit hinaus.

Entscheidungsbaum: NC, LC oder moderierter Kontakt?

  • Frage 1: Gibt es Sicherheitsrisiken (Gewalt, Stalking, Drohungen)?
    • Ja: Sicherheitsplan + jurische Beratung + moderierte Kanäle.
    • Nein: Weiter zu Frage 2.
  • Frage 2: Müsst ihr organisatorisch kommunizieren (Kinder, Arbeit, Mietvertrag)?
    • Ja: Low-Contact mit BiFF + klare Zeitfenster.
    • Nein: Weiter zu Frage 3.
  • Frage 3: Löst Kontakt starke Symptome aus (Schlaf < 6h, Drang > 7/10, Panik)?
    • Ja: Vollständige NC für 30–45 Tage.
    • Nein: Strukturierte LC oder digitale Entflechtung plus kurze Testpausen.
  • Frage 4: Ziel ist Wiederannäherung?
    • Ja: NC als Reset mit geplanter Re-Entry-Strategie (Agenda, Grenzen).
    • Nein/Unklar: NC zur Klärung und Stabilisierung, Entscheidung später.

Trauma-informiert und Neurodiversität berücksichtigen

  • Komplextrauma (CPTSD): Kontakt kann Flashbacks, Übererregung, Dissoziation verstärken. NC plus Stabilisierungsarbeit (Orientierung, Erdung, Safe-Place-Übungen) ist oft essenziell. Dosierte Exposition nur in sicherem Rahmen.
  • Borderline-Muster/Emotionsinstabilität: Schwarz-Weiß-Denken und Trennungsangst triggern impulsive Kontaktversuche. DBT-Fertigkeiten (TIPP, Radikale Akzeptanz) und klare, kurze Regeln („Nur per E-Mail, max. 1x/Woche“) reduzieren Eskalationen.
  • Zwanghafte Tendenzen/ROCD: Grübeln und „Klarheitszwang“ führen zu Checken und Nachfragen. Exposition mit Reaktionsverhinderung: Frage nicht stellen, Unsicherheit tolerieren, 10–20 Min. Urge Surfing.
  • ADHS: Impulsivität + Dopamin-Suche = hohes Rückfallrisiko. Externe Strukturen: App-Blocker, Buddy anrufen, physische Barrieren (Handy in Box). Kurze, klare Regeln statt langer Listen.
  • Autismus-Spektrum: Ambiguität schwer erträglich. NC gut planbar machen (fixe Dauer, Kalender, Skripte). Schriftliche, klare Kommunikation ohne zwischen den Zeilen.
  • Hochsensibilität: Reize schnell überwältigend. Sensorische Selbstfürsorge (Licht, Geräusch, Natur), kürzere Arbeitseinheiten, strengere digitale Hygiene.

Spezifische Situationen sauber lösen

  • Gemeinsame Wohnung/Auszug:
    • Einmaliges, kurzes Treffen mit Zeugen oder Hausverwaltung; Liste der Gegenstände; 45-Minuten-Zeitfenster; keine Vergangenheitsdiskussion.
    • Skript: „Ich hole am Samstag zwischen 10 und 10:45 die vereinbarten Sachen. Liste im Anhang. Wenn dir etwas fehlt, schreib bitte bis Freitag per E-Mail.“
  • Gegenstände zurückgeben:
    • Paket mit Tracking, neutrale Notiz. Kein Treffen nötig.
    • Skript: „Ich sende dir X per DHL, Zustellung voraussichtlich Dienstag.“
  • Finanzen klären:
    • Ein Dokument mit allen Posten, Fristen, IBAN; Kommunikation nur per E-Mail.
    • Skript: „Anbei die Übersicht der offenen Posten. Bitte Rückmeldung bis dd.mm.“
  • Haustiere:
    • Mediationslösung oder klare Betreuungsregel. Vermeide „spontane“ Treffen.
  • Gemeinsame Abos/Accounts:
    • Sofort Passwörter ändern, Ownership klären, Doppel-Auth aktivieren.
    • Notiz: „Bitte bestätige die Abmeldung bis dd.mm., danach entziehe ich den Zugriff.“

Re-Entry-Varianten: 6 Textbausteine

  • Abschluss ohne Wiederaufnahme: „Danke für die gemeinsame Zeit. Für mich ist es stimmig, getrennt weiterzugehen. Ich wünsche dir Gutes. Bitte respektiere, dass ich keinen weiteren Austausch möchte.“
  • Neutraler Check-in: „Hi, kurzer Check-in: Bist du offen für ein 30-Minuten-Gespräch zu [Thema]? Wenn nein, alles gut.“
  • Verantwortungsübernahme: „Ich habe reflektiert, wie ich zu Konflikten beigetragen habe. Ich erwarte keine Antwort, wollte Verantwortung übernehmen und dir alles Gute wünschen.“
  • Bitte um Ruhe: „Ich brauche weitere 30 Tage Ruhe, um stabil zu bleiben. In Orga-Fällen bitte nur E-Mail.“
  • Co-Parenting-Neustart: „Vorschlag: Kommunikation nur über die App, Freitags 12–12:15. Fokus: Stundenplan, Arzttermine, Kleidung. Einverstanden?“
  • Kein Re-Entry, nur Selbstabschluss: Kein Senden. Schreibe einen Brief, lies ihn laut vor, archiviere ihn.

Praxisübungen, die wirklich tragen

  • Selbstmitgefühl-„Break“ (Neff): 1) Das ist ein Moment von Leid. 2) Leid gehört zum Menschsein. 3) Möge ich freundlich zu mir sein. Hand aufs Herz, 6 ruhige Atemzüge.
  • Imagery Rescripting: Stelle dir eine Trigger-Szene vor, stoppe sie, bringe dein zukünftiges, starkes Ich hinein, setze Grenzen, hole dir Unterstützung. Nachspüren, notieren.
  • Werte-Mikroverträge: Schreibe morgens einen 1-Satz-Vertrag: „Heute handle ich in Richtung Ruhe, indem ich 10 Minuten gehe, bevor ich antworte – und vermutlich gar nicht antworte.“
  • „Brief an zukünftiges Ich“: 15 Minuten, Datum in 30 Tagen. Was wünschst du dir, gelernt zu haben? Woran wirst du merken, dass es besser ist?

Langfristige Rückfallprävention

  • Frühwarnzeichen: Schlaf < 6h, Social-Media-Check, „Nur kurz…“-Gedanken, Einsamkeitssonntag.
  • Notfall-Plan A/B/C: A = Atem + Buddy; B = Spaziergang + Musik; C = Task-Switch (Haushalt 10 Minuten).
  • Accountability: Wöchentlicher Check mit Freund:in oder Therapeut:in, kurzer Score (0–10) für Drang/Schlaf/Stimmung.
  • Identitätsarbeit: „Ich bin jemand, der…“ (Werteformel) – täglich wiederholen.
  • Umwelt-Design: Dauerhaft weniger Reize (Notifications aus, Social bis 30 Min/Tag), neue Routinen (Sportgruppe, Lernprojekt).

Top-10 Fehler – und wie du sie korrigierst

  1. NC als Strafe nutzen → Reframe: Selbstschutz.
  2. Unklare Ausnahmen → Liste definieren, Kanäle fixieren.
  3. App nicht löschen → Digitale Hygiene vollständig.
  4. Keine Tagesstruktur → 3 Fixpunkte/Tag planen.
  5. Kein Support → 1–2 Menschen aktiv einbinden.
  6. Grübeln als „Problem lösen“ verwechseln → 10-Minuten-Timer, dann Wertehandlung.
  7. „Nur eine Story schauen“ → Blockieren/Muting, Passwörter ändern.
  8. Grenzen inkonsistent → Standardantwort speichern, Copy-Paste.
  9. Re-Entry ohne Agenda → Ziel, Zeit, Ausstiegssatz festlegen.
  10. Rückfall dramatisieren → Als Daten sehen, Plan anpassen.

Erweiterte Messinstrumente (einfach anwendbar)

  • Ruminations-Minicheck: 0–10 Skala, 3x/Woche; Ziel: Trend nach unten.
  • Schlaf-2-Fragen: Einschlafdauer, Aufwachhäufigkeit; Ziel: < 30 Min Einschlafen, < 2 Aufwachen.
  • Drang-Tagebuch: Auslöser – Intensität – Skill – Ergebnis.
  • Werteerfüllung: 3 Werte, wöchentlich 0–10, kurz begründen.

Häufige Sonderfälle und Antworten

  • Ex ist in neuer Beziehung:
    • Kein Stalking. Notiere Gefühle, wende Selbstmitgefühl an, aktiviere Support.
    • Wenn Kinder betroffen sind: Fokus auf Kindeswohl, keine Kommentare zur neuen Person.
  • Gemeinsame Events (Hochzeit, Beerdigung):
    • Vorab Plan: Ankunft/Abgang, Sitzplatz, „Exit-Buddy“. Keine 1:1-Gespräche.
  • Gemeinsame Clique:
    • Kommunikationsbitte: „Bitte keine Ex-Updates, ich melde mich, wenn ich bereit bin.“
  • Geschenke/Briefe von Ex während NC:
    • Nicht öffnen, sicher aufbewahren oder zurücksenden mit Standardnotiz: „Ich befinde mich in einer Kontaktsperre und öffne Post aktuell nicht.“

Moderations- und Therapeut:innen-Pitfalls vermeiden

  • Keine „Alles-oder-nichts“-Dogmen: Individuell dosieren, Sicherheit vor Starrheit.
  • Prozess regelmäßig evaluieren: Daten statt Meinungen.
  • Allparteilichkeit wahren (bei Paarbezug): Schutz für beide, klare Regeln.
  • Kultur- und Kontextsensibilität: Familiennormen, Migrationserfahrungen, queere Kontexte berücksichtigen.

12-Wochen-Erweiterung (Maintenance)

  • Woche 7–8: Stabilisierung vertiefen, Identitätsprojekte (Kurs starten, Sport festigen).
  • Woche 9–10: „Trigger-Light“-Tests: 1 Bild sehen, nicht reagieren; 24h Review.
  • Woche 11–12: Finale Entscheidung und Zukunftsplan (Kontaktarten, Nein-Sätze, Dating-Regeln).
  • Nach 12 Wochen: Quartalsreview, ggf. weitere NC-Phasen situativ.

Erweiterte FAQ

  • Soll ich die Kontaktsperre ankündigen?
    • Optional. Vorteil: Klarheit, Ethik. Nachteil: Einladung zu Diskussionen. Wenn hohe Eskalationsgefahr: still umsetzen, nur organisatorisch erreichbar.
  • NC bei On-Off-Beziehungen?
    • Besonders hilfreich, weil sie intermittierende Verstärkung durchbrechen. Ohne tiefe Musterarbeit (Bindung, Kommunikation) ist Re-Entry kaum stabil.
  • Was, wenn Freunde „vermitteln“ wollen?
    • Dankbar ablehnen: „Ich arbeite therapeutisch an Stabilität und brauche Abstand. Bitte respektiert das.“
  • Unterschied NC vs. „Graue Felsen“ (Gray Rock)?
    • NC = kein Kontakt; Gray Rock = extrem neutrale Reaktion bei notwendigem Kontakt (z. B. bei narzisstischem Missbrauch).
  • Rechtliches?
    • Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei Drohungen, Stalking, Besitzstreit: dokumentieren, Beratungsstellen/Jurist:in einbeziehen.

Nein. Sie ist sinnvoll, wenn sie Stabilität, Sicherheit und Klarheit fördert. Contra: akute Krisen, Gewalt, zwingendes Co-Parenting ohne Rahmen. Entscheidend ist eine individuelle, therapeutisch begleitete Abwägung.

Häufig 30–45 Tage zur Stabilisierung. Manche brauchen kürzer, andere länger. Messe deine Entwicklung (Schlaf, Grübeln, Funktionsniveau) und entscheide mit deiner/m Therapeut:in.

Ja – aber sende ihn nicht während der NC. Nutze ihn therapeutisch. Später kannst du mit Abstand entscheiden, ob Senden sinnvoll ist.

Nein. Das ist Verarbeitung, kein Kontakt. Es kann sogar hilfreich sein, Chatverläufe in der Sitzung anzuschauen, ohne sie zu beantworten – Exposition mit Antwortverhinderung.

Dann gilt: NC außerhalb der Sitzungen, außer für Orga. Klare Regeln, Zeitfenster und keine Nachverarbeitung direkt danach. Eure Therapeut:in moderiert die Balance.

Indirekt ja: NC reduziert Eskalationen und zeigt Selbstachtung. Aber es ist kein Trick. Die Rückkehr basiert auf beiderseitiger Reife und Kompatibilität – nicht auf Taktik.

Nein. Analysiere den Auslöser, setze sofort wieder Grenzen, nutze Skills und informiere deine/n Therapeut:in. Rückfälle sind Daten, keine Urteile.

Antworte gar nicht oder mit einer einmaligen Grenzsetzung. Danach Stille. Dokumentiere bei anhaltender Grenzverletzung und schütze dich durch Filter/Blockierung.

Nein. NC ist transparent, begründet und respektvoll angekündigt (wenn sinnvoll). Ghosting ist kommentarloses Verschwinden und oft verletzend.

Ja, als Low-Contact: klare Arbeitskanäle, kein Privatgespräch, Protokolle, ggf. Moderation durch Vorgesetzte.

Fazit: Heilung, Würde, Klarheit – und Hoffnung

Ich weiß, wie schwer es ist. Jede Zelle will schreiben, jede Erinnerung zieht dich zurück. Doch Wissenschaft und Praxis zeigen: Eine klug geplante Kontaktsperre, kombiniert mit guter Therapie, gibt deinem Nervensystem Ruhe, deiner Psyche Struktur und deinem Herzen Würde. Du regulierst statt zu reaktivieren, du wählst Werte statt Impulse. Vielleicht führt dich dieser Weg zurück zu dir – und dann, wenn es passt, zu einem neuen, reiferen Kontakt. Oder er führt dich konsequent in die Freiheit. Beides ist Gewinn. Was zählt: Du handelst bewusst, freundlich mit dir, in Übereinstimmung mit dem Menschen, der du sein willst. Und das ist die stabilste Grundlage für Liebe – zu dir und, vielleicht eines Tages, wieder zu jemandem.

Wie stehen deine Chancen, deinen Ex zurückzugewinnen?

Finde in nur 8-10 Minuten heraus, wie realistisch eine Versöhnung mit deinem Ex ist - basierend auf Beziehungspsychologie und praktischen Erkenntnissen.

Wissenschaftliche Quellen

Bowlby, J. (1969). Attachment and loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books.

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M., Waters, E., & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum.

Hazan, C., & Shaver, P. R. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.

Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2007). Attachment in adulthood: Structure, dynamics, and change. Guilford Press.

Fisher, H. E., Brown, L. L., Aron, A., Strong, G., & Mashek, D. (2010). Reward, addiction, and emotion regulation systems associated with rejection in love. Journal of Neurophysiology, 104(1), 51–60.

Acevedo, B. P., Aron, A., Fisher, H. E., & Brown, L. L. (2012). Neural correlates of long-term intense romantic love. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 7(2), 145–159.

Insel, T. R., & Young, L. J. (2001). The neurobiology of attachment. Nature Reviews Neuroscience, 2(2), 129–136.

Young, L. J., & Wang, Z. (2004). The neurobiology of pair bonding. Nature Neuroscience, 7(10), 1048–1054.

Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292.

Kross, E., Berman, M. G., Mischel, W., Smith, E. E., & Wager, T. D. (2011). Social rejection shares somatosensory representations with physical pain. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(15), 6270–6275.

Sbarra, D. A., & Emery, R. E. (2005). The emotional sequelae of nonmarital relationship dissolution: Analysis of change and intraindividual variability over time. Personal Relationships, 12(2), 213–232.

Sbarra, D. A. (2006). Predicting the onset of emotional recovery following nonmarital relationship dissolution: Physiological and social processes. Journal of Personality and Social Psychology, 91(3), 485–498.

Sbarra, D. A., Ferrer, E., & Stanton, A. L. (2013). The structure and process of emotional experience following nonmarital relationship dissolution: Dynamic factor analyses of love, anger, and sadness. Emotion, 13(2), 331–344.

Marshall, T. C. (2013). Facebook surveillance of former romantic partners: Associations with postbreakup recovery and personal growth. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 15(10), 521–526.

Field, T., Diego, M., Pelaez, M., Deeds, O., & Delgado, J. (2009). Breakup distress in university students. Adolescence, 44(176), 705–727.

Stroebe, M., & Schut, H. (1999). The dual process model of coping with bereavement: Rationale and description. Death Studies, 23(3), 197–224.

Neimeyer, R. A. (2001). Meaning reconstruction and the experience of loss. American Psychological Association.

Gross, J. J. (1998). The emerging field of emotion regulation: An integrative review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299.

Linehan, M. M. (2015). DBT skills training manual (2nd ed.). Guilford Press.

Hayes, S. C., Strosahl, K. D., & Wilson, K. G. (2011). Acceptance and commitment therapy: The process and practice of mindful change (2nd ed.). Guilford Press.

Gottman, J., & Silver, N. (1999). The seven principles for making marriage work. Crown.

Johnson, S. M. (2004). The practice of emotionally focused couple therapy: Creating connection. Brunner-Routledge.

Wampold, B. E., & Imel, Z. E. (2015). The great psychotherapy debate: The evidence for what makes psychotherapy work (2nd ed.). Routledge.

Cuijpers, P., Berking, M., Andersson, G., Quigley, L., Kleiboor, A., & Dobson, K. S. (2013). A meta-analysis of cognitive-behavioural therapy for adult depression, alone and in comparison with other treatments. Canadian Journal of Psychiatry, 58(7), 376–385.