Sexsucht Beziehung: Umgang

Sexsucht in der Beziehung: Was du weißt, was du tust – und wo Grenzen liegen.

24 Min. Lesezeit Spezielle Situationen

Warum du diesen Artikel lesen solltest

Du kämpfst gerade mit Sexsucht in deiner Beziehung – als betroffene Person oder als Partner:in. Du willst wissen, was in eurem Gehirn, Nervensystem und zwischen euch passiert – und vor allem: Was du heute konkret tun kannst, um Stabilität, Vertrauen und Würde zurückzugewinnen. In diesem Ratgeber bekommst du einen wissenschaftlich fundierten Überblick (ICD-11, Bindungstheorie, Neurochemie, Suchtforschung) und einen praxisnahen Fahrplan mit Tools, Formulierungen, Checklisten und realistischen Erwartungen.

Was bedeutet „Sexsucht“ in einer Beziehung – und was nicht?

„Sexsucht“ ist ein umgangssprachlicher Begriff. Medizinisch spricht die WHO in der ICD-11 von Compulsive Sexual Behaviour Disorder (CSBD): anhaltendes Muster, sexuelle Impulse nicht zu kontrollieren, trotz negativer Folgen für Gesundheit, Beziehungen, Arbeit oder Finanzen. Das ist mehr als „hohe Libido“ oder „viel Sex mögen“. Entscheidend ist der Kontrollverlust, die Funktion (Stressregulation), die Persistenz trotz Schaden und das Leiden – bei dir und/oder deinem Gegenüber.

Wichtig für dich:

  • Du bist nicht „kaputt“, wenn dich das betrifft – aber du trägst Verantwortung, Hilfe zu suchen und Schaden zu begrenzen.
  • Als Partner:in bist du nicht „zu prüde“ oder „schuld“. Du reagierst völlig normal auf einen Vertrauensbruch oder das Gefühl, ersetzt/objektiviert worden zu sein.
  • Viele Betroffene erleben Zyklen aus Anspannung, Ritualisierung, sexueller Handlung und Scham. Diese Zyklen lassen sich wissenschaftlich erklären – und therapeutisch verändern.

Die Neurochemie der Liebe ist vergleichbar mit einer Drogenabhängigkeit.

Dr. Helen Fisher , Anthropologin, Kinsey Institute

Wissenschaftlicher Hintergrund: Was in Kopf, Körper und Bindung passiert

1Neurochemie und Konditionierung

  • Dopamin-Belohnung: Sexuelle Reize triggern das mesolimbische System (VTA, Nucleus accumbens). Erwartete Belohnung (Cue) kann schon vor der Handlung starke Spannung erzeugen. Wiederholung konditioniert Cues zu „Auslösern“.
  • Gewöhnung und Sensitivierung: Manche erleben Toleranz (immer stärkere Reize nötig) und gleichzeitig Sensitivierung für spezifische Trigger (z. B. bestimmte Tageszeiten, Apps, Fantasien).
  • Stressregulation: Sex senkt kurzfristig Stress (Kortisol) und kann Oxytocin/Prolaktin anheben. Auf Dauer wird Sex zur schnellen „Regulationsspritze“, ohne die Fähigkeit zu nachhaltiger Emotionsregulation aufzubauen.

2Bindung und Emotionsregulation

  • Bindungstheorie: Frühe Erfahrungen prägen, wie wir Nähe/Distanz regulieren. Ängstlich-ambivalente Muster suchen intensive Bestätigung, vermeidende Muster halten Distanz. Beides kann mit riskanten Verhaltensstrategien kompensiert werden.
  • Paardynamik: In Ausnahmezuständen (Affärenerkenntnis, Pornografiefunde, Lügenkaskaden) geraten beide Nervensysteme in Alarmbereitschaft. Partner:innen zeigen häufig Hinweise von Traumafolgereaktionen: Hypervigilanz, Intrusionen, Schlafstörungen.

3Psychologie der Zwanghaftigkeit

  • Der „Suchtkreislauf“: (1) Trigger/Stress, (2) Fantasieren/Ritualisieren, (3) Handlung, (4) Scham/Leugnung, (5) „Ich höre auf“ – bis zum nächsten Trigger. Unterbrochen wird der Zyklus auf Ritual- und Planungsebene – nicht erst bei der „Tat“.
  • Kognitive Verzerrungen: „Ich habe es mir verdient“, „Nur noch dieses eine Mal“, „Niemand erfährt es“ – typische Gedanken, die Therapie gezielt entlarvt.

4Was CSBD nicht ist

  • Keine „Ausrede“ für Grenzverletzungen: Erklärungen sind keine Entschuldigungen. Verantwortung bleibt.
  • Kein Synonym zu „pervers“ oder „unmoralisch“: Es geht um Kontrollverlust und Leiden, nicht um Bewertung von Konsenspraktiken.
  • Nicht automatisch „Fremdgehen“: Manche Betroffene haben keine Affären, sondern z. B. exzessiven Solo-Pornokonsum. Das Vertrauensproblem bleibt aber real.

Auswirkungen auf die Beziehung – und warum sie so heftig sind

  • Vertrauensbruch: Lügen und Geheimhaltung untergraben Grundsicherheit. Selbst wenn „nur“ Pornografie im Spiel war, erleben viele Partner:innen das als tiefe Zurückweisung.
  • Bindungsschmerz: Das Gehirn reagiert auf Liebes- und Bindungsverlust ähnlich wie auf körperlichen Schmerz. Deshalb fühlt sich jede Entdeckung und jede neue Lüge so überwältigend an.
  • Identitätsfragen: „Bin ich nicht genug?“ Diese Frage ist normal – aber falsch gerichtet. CSBD sagt wenig über Attraktivität des Partners aus; es ist ein Maladaptionsversuch zur Emotionsregulation.
  • Sexualitätspolarität: Ein:e Partner:in kann Sexualität meiden (Schutz), die andere Seite Sexualität fordern (Beruhigung). Das verschärft den Graben.

Wichtig: Wenn Gewalt, Zwang oder Nötigung im Spiel sind, steht Sicherheit an erster Stelle. Organisiere Schutz (Freund:innen, Beratungsstellen) und rechtliche Hilfe. Bei akuter Gefahr: Polizei/Notruf.

Erste Hilfe: Stabilisierung in den nächsten 72 Stunden

  • Medizinisch: STI-Testung, falls Fremdkontakte möglich waren. Körperliche Reaktionen wie Schlaflosigkeit sind normal – priorisiere Grundbedürfnisse (Schlaf, Essen, Bewegung).
  • Emotionale Sicherheit: Vereinbart eine 72-Stunden-Zeit, in der ihr auf Eskalationsgespräche verzichtet. Stattdessen: kurze Status-Updates, wo nötig, und ein Termin für ein strukturiertes Gespräch.
  • Informationsdiät: Kein exzessives „Ermitteln“ um 3 Uhr nachts. Notiere Fragen für den verabredeten Termin.
  • Soziales Netz: Wähle 1–2 vertrauenswürdige Personen für Unterstützung. Vermeide breite Verteilung intimer Details; das erschwert späteres Reparieren.
  • Digitale Maßnahmen: Gerätezugänge ändern, wenn nötig. Keine Überwachungstools im Geheimen – das verschärft Misstrauen und ist rechtlich riskant.

Das strukturierte Offenlegungsgespräch (nach 72 Stunden)

Ziel: Klare Fakten, keine Details, die retraumatisieren. Fokus auf Verantwortungsübernahme und nächste Schritte.

Rahmen und Reihenfolge:

  1. Setting und Zeitlimit (z. B. 60 Minuten, tagsüber, nüchtern, ohne Kinder im Haus).
  2. Absicht aussprechen: „Ich will Verantwortung übernehmen und einen Plan erarbeiten.“
  3. Fakten in Kategorien, nicht in voyeuristischen Details: Art(en) des Verhaltens, Zeiträume, Risiken (Finanzen, STI), Lügenmuster.
  4. Verantwortungssatz: „Das war meine Entscheidung, auch wenn ich unter Stress stand. Es war falsch und verletzend.“
  5. Konkreter Hilfeplan: Therapie, Gruppen, Transparenzregeln.
  6. Vereinbarte Grenzen bestätigen.

Beispiel-Formulierungen:

  • Betroffene Person: „Ich habe am 12. und 19. X genutzt. Ich habe darüber gelogen. Das war meine Verantwortung. Ich committe mich zu Therapie und Transparenz.“
  • Partner:in: „Ich höre dich. Ich werde heute keine Entscheidung über Trennung treffen. Ich brauche medizinische Tests und Zugang zu relevanten Informationen (Finanzen, Risiken).“

Für Partner:innen: Sofort-Grenzen

  • Kein Sex bis medizinische Klarheit und bis ich mich sicher fühle
  • Keine Lügen. Bei neuer Lüge: sofortige Trennung auf Zeit
  • Zugriff auf gemeinsame Finanzen
  • Kein Löschen von Browserverläufen/Nachrichten

Für Betroffene: Sofort-Schritte

  • Termin bei Fachtherapie (CBT/EFT/CSBD-Erfahrung)
  • Mindestens 90 Tage „Trigger-Hygiene“ (Stimuluskontrolle)
  • Tägliches Check-in-Protokoll (3 Minuten)
  • Notfallliste (3 Personen, 5 Skills)

Therapie und Selbsthilfe: Was wirkt – und wie du es prüfst

  • Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Identifiziert Trigger, kognitive Verzerrungen und ritualisierte Ketten. Übt Verzögerung, Alternativverhalten, Werteklärung.
  • Achtsamkeitsbasierte Ansätze: Mindfulness reduziert Reaktivität auf Trigger und verbessert Emotionsregulation.
  • Paartherapie: Emotionsfokussierte Therapie (EFT) für Bindungssicherheit; Gottman-basierte Ansätze für Vertrauen (ATTUNE: Awareness, Turning toward, Tolerance, Understanding, Nondefensive responding, Empathy).
  • Pharmakotherapie: In Einzelfällen SSRIs (Impulskontrolle, wenn Zwangskomponente) oder Naltrexon (Belohnungsdämpfung) – nur unter fachärztlicher Begleitung und Aufklärung über Nutzen/Risiko.
  • Selbsthilfegruppen: Struktur, Spiegelung, Rechenschaft. Prüfe, ob Sprache und Regeln für euch passen.

Woran du gute Hilfe erkennst:

  • Transparente Ziele, Messbarkeit (z. B. wöchentliche Skalen für Drang, Lügen, Nähe).
  • Fokus auf Verantwortung statt Schuldspiralen.
  • Einbezug der Partner:in in angemessenem Umfang (Sicherheitsplan, Informationsbedürfnisse), ohne die Therapie der betroffenen Person zu instrumentalisieren.

Der Sucht-/Zwangszyklus: Unterbrechen, bevor er startet

Nutze die 4R-Strategie: Recognize – Restrain – Replace – Repair.

  • Recognize (Erkennen): Mikro-Trigger (Langeweile, Ärger, Einsamkeit, Reizüberflutung). Führe ein 3-Spalten-Protokoll (Situation – Gedanke – Impuls). 2 Wochen lang täglich.
  • Restrain (Stoppen): 10-Minuten-Regel (Drang beobachten, nicht bekämpfen), kaltes Wasser, körperliche Aktivierung (20 Kniebeugen), Ortswechsel aus „Hot Zones“.
  • Replace (Ersetzen): Wertebasierte Alternativen: Call, Journaling, kurze Atemübung (Box Breathing 4-4-4-4), 5-Minuten-Aufgabe, die zu deinem besten Selbst passt.
  • Repair (Reparieren): Wenn du eine Grenze verletzt hast: zeitnah beichten, volle Verantwortung, Konsequenz annehmen, Plan anpassen.
Phase 1

Krisenstabilisierung (0–30 Tage)

  • Offenlegung, Sicherheit, STI-Tests, Notfallskills, Stimuluskontrolle (Filter, Räume, Zeiten). Kein Sex ohne Konsens und Sicherheit. Schlaf/Ernährung/Bewegung priorisieren.
Phase 2

Stabilisierungsaufbau (1–3 Monate)

  • CBT-Module, Achtsamkeit, wöchentliche Einzeltherapie. Paartherapie beginnt, wenn Sicherheit wächst. Transparenzregeln testen und anpassen.
Phase 3

Einsicht und Reparatur (3–6 Monate)

  • Offene Fragen klären (ohne voyeuristische Details). Empathisches Zuhören, validierende Antworten. Trauerarbeit. Gemeinsame Rituale der Verbindung.
Phase 4

Re-Connection (6–12 Monate)

  • Sexualität neu verhandeln (Werte, Grenzen, Tempo). Gemeinsame Freude, nicht nur Problemfokus. Vertrauensrücklagen aufbauen (Zuverlässigkeit im Alltag).
Phase 5

Langzeitpflege (12+ Monate)

  • Rückfallprävention, Frühwarnzeichen, Booster-Sitzungen. Sexualität als Dialog. Identitätsarbeit jenseits der „Suchtgeschichte“.

Transparenzregeln: Wie viel Einblick ist hilfreich?

  • Kein geheimer Zweitkanal: gemeinsame Übersicht über relevante finanzielle Konten/Abos.
  • Digitale Hygiene: Filter/Blocker auf von euch definierten Geräten. Kein heimliches Umgehen.
  • Check-ins zu festen Zeiten (z. B. täglich 3 Minuten, wöchentlich 20 Minuten) statt dauernder Verhöre.
  • Keine Rund-um-die-Uhr-Ortung ohne Zweck und Frist. Ziel ist Wiederaufbau von Selbststeuerung, nicht Überwachung als Dauerlösung.

Formulierungsbeispiele für Check-ins:

  • Betroffene Person: „Heute 2/10 Drang am Nachmittag, hab Box-Breathing und kurzen Lauf gemacht, kein Ritual gestartet. Morgen Meeting um 18 Uhr.“
  • Partner:in: „Danke für die Klarheit. Ich brauche weiter frühe Warnungen, wenn dein Drang über 6/10 steigt.“

1–6%

Schätzungen berichten, dass 1–6% der Menschen problematische sexuelle Verhaltensmuster erleben. Bandbreiten ergeben sich aus Definitionen und Messmethoden.

6–12 Monate

Häufig genannte Zeitspanne, bis sich Vertrauen spürbar stabilisiert – vorausgesetzt, es gibt Ehrlichkeit, Konsequenz und Therapiearbeit.

40–60%

Rückfallraten ähneln in der frühen Phase denen anderer Abhängigkeitserkrankungen. Rückfälle sind kein Scheitern, sondern Daten für deinen Plan.

Hinweis: Diese Zahlen sind Richtwerte aus der Forschung zu CSBD und allgemeinen Suchtverläufen. Individuelle Verläufe variieren.

Reperaturkommunikation: So klingt Empathie – so nicht

  • Validierung statt Verteidigung:
    • „Ich war gestresst, deshalb…“
    • „Ich sehe, dass mein Verhalten dich verletzt und verunsichert hat. Ich übernehme Verantwortung.“
  • Konkrete Zusagen statt vager Hoffnung:
    • „Es wird nie wieder passieren.“
    • „Ich habe morgen um 10 Uhr den Therapietermin. Heute Abend installiere ich den Filter und sende dir die Bestätigung.“
  • Grenzen respektieren:
    • „Du übertreibst, es war nur…“
    • „Deine Reaktion ist nachvollziehbar. Wir besprechen Details im geschützten Termin.“

Gottmans ATTUNE im Alltag:

  • Awareness: „Ich bemerke, dass du dich zurückziehst – ist jetzt ein guter Moment zum Check-in?“
  • Turning toward: „Danke, dass du gesagt hast, dass du getriggert bist. Lass uns 10 Minuten gemeinsam atmen.“
  • Tolerance: „Deine Fragen sind schwer, aber ich halte aus und antworte ehrlich.“
  • Understanding: „Ich fasse zusammen: Du hast Angst vor Rückfällen, besonders wenn ich reise.“
  • Nondefensive: „Ich werde nicht argumentieren, sondern zugeben, was wahr ist.“
  • Empathy: „Es tut mir leid, dass ich dich in diese Lage gebracht habe. Ich will, dass du dich wieder sicher fühlst.“

Sexualität nach der Krise: Langsam, bewusst, konsensuell

  • Entkoppelung von Sex und Beruhigung: Lernt non-sexuelle Nähe (Händchenhalten, Blickkontakt, gemeinsame Rituale), bevor ihr Sexualität neu startet.
  • „Yes-Check“: Beide benennen vorab, was heute okay ist (z. B. küssen, kuscheln), und was nicht. Nachbesprechung in 5 Sätzen (Was war gut? Was löste Unsicherheit aus?).
  • Trigger-Management: Verzichtet anfangs auf Praktiken/Reize, die stark mit alten Ritualen verknüpft sind.
  • Lust als Dialog: Sprecht über Bedürfnisse, ohne Bewertung. Nutzt Ich-Botschaften und Skalen (0–10) statt Etiketten.

Wichtig: „Beziehungssex, um zu beruhigen“ direkt nach einem Vertrauensbruch verschlimmert oft die Lage. Erlaubt euch „sexfreie Intimität“, bis Sicherheit und Konsens echt sind.

Sicherheits- und Finanzaspekte

  • Medizinisch: STI-Screening inkl. HIV, Syphilis, Chlamydien, Gonorrhö, Hepatitis – nach ärztlicher Empfehlung.
  • Finanziell: Überblick über Ausgaben (Abos, Chats, Escort, Hotels), Kreditkarten prüfen, Limits setzen. Keine heimlichen Schulden.
  • Recht und Arbeit: Keine sexualisierten Inhalte über Arbeitsgeräte. Kein Stalking, keine unerwünschten Kontaktaufnahmen. Dokumentiere Vereinbarungen schriftlich.

Wenn ihr getrennt seid – oder Trennung erwägt

  • Stabiler Abstand: No-Contact 30–60 Tage kann helfen, Nerven zu beruhigen und Muster zu erkennen – besonders bei starken Eskalationen. Ausnahmen: Kinder/Notfall.
  • Co-Parenting: Klare, sachliche Kommunikation. Keine Diskussionen über Beziehungsthemen an der Haustür.
    • „Hi, wie geht’s dir? Ich vermisse dich…“
    • „Übergabe der Kinder am Freitag 18 Uhr wie vereinbart. Arzttermin am Montag um 9 Uhr.“
  • Heilung vor Entscheidung: Große Beziehungsentscheidungen nach 90 Tagen stabiler Abstinenz und ehrlicher Arbeit neu bewerten.

Fallbeispiele aus der Praxis

  • Sarah (34), Lehrerin: Entdeckt Chatverläufe ihres Partners mit Sexarbeiterinnen. Nach Schock setzt sie 72-Stunden-Pause, fordert STI-Tests, erhält Offenlegung ohne voyeuristische Details. Vereinbaren 90 Tage sexuelle Enthaltsamkeit, wöchentliche Paartherapie. Nach 6 Monaten spürbare Stabilisierung, nach 10 Monaten vorsichtige sexuelle Annäherung. Was half: klare Grenzen, keine Forensiknächte, ATTUNE-Rituale.
  • Cem (41), IT: Seit Jahren exzessiver Pornokonsum bis spät in die Nacht, Leistungsabfall. Beschließt „kalten Entzug“, scheitert in Woche 2. In Therapie lernt er, dass sein Trigger Langeweile/Überforderung ist. Er setzt Bürozeiten mit Pausen, Abendrituale ohne Bildschirm, Sport als kurzer Stress-Reset. Nach 4 Monaten deutlich weniger Drang, Partnerin beteiligt in wöchentlichen Check-ins.
  • Julia (29), Studentin: Partner hatte kurze Affäre. Beide entscheiden für Trennungspause. Nach 60 Tagen No-Contact und Einzeltherapie prüft Julia, ob sie Zurückgehen will. Sie formuliert Bedingungen (Transparenz, Gruppenbesuch, keine Geschäftsreisen ohne zusätzliche Strukturen). Nach 1 Jahr führen sie eine vorsichtige, stabile Beziehung – oder entscheiden sich, respektvoll auseinanderzugehen. Beide Varianten sind ok.
  • Markus (47), selbständig: Nutzt bezahlten Online-Content, verschuldet sich. Nach Offenlegung richtet das Paar ein Schuldensanierungskonto ein, gibt die Kreditkarte ab, setzt Ausgabenlimits. In Coaching lernt Markus Impulskontrolle, Partnerin erhält Zugang zu Finanzübersichten. Nach 12 Monaten schuldenfrei, Vertrauen steigt langsam.
  • Nina (38), Ärztin: Vermeidet Sexualität aus Erschöpfung. Partner reguliert Stress über Cybersex. In EFT-Paartherapie erkennen beide, dass Nähegespräche fehlen. Sie vereinbaren 3×30 Minuten „Emotionszeit“ pro Woche, was den Drang signifikant reduziert. Sexualität wird später neu verhandelt.

Checklisten: Heute anfangen

  • Wenn du betroffen bist:
    • [ ] Termin bei Fachtherapie buchen
    • [ ] Notfallkarte schreiben (3 Skills, 3 Kontakte)
    • [ ] „Hot Zones“ identifizieren (Orte, Zeiten, Apps)
    • [ ] Kleinste Einheit verändern (z. B. Handy ab 22 Uhr in Küche)
    • [ ] Ehrliche Nachricht an Partner:in: „Ich übernehme Verantwortung. Hier sind meine ersten Schritte.“
  • Wenn du Partner:in bist:
    • [ ] Medizinische Tests einfordern, wenn relevant
    • [ ] Eigene Unterstützung sichern (Therapie/Gruppe)
    • [ ] 3 Grenzen definieren und kommunizieren
    • [ ] Informationsfenster festlegen (z. B. Fr 17 Uhr 30 Minuten)
    • [ ] Schlaf, Essen, Bewegung planen

Rückfallprävention: Plan statt Hoffnung

  • Frühwarnzeichen: Fantasien als Flucht, heimliche Mikro-Rituale (z. B. „nur kurz scrollen“), Stimmungstiefs, Überwork.
  • Schutzfaktoren: Schlaf 7–8 Std., regelmäßige Mahlzeiten, tägliche kurze Bewegung, soziale Verbindung, Sinnaktivitäten.
  • Notfallprotokoll (wenn Drang >7/10): 10-Minuten-Regel, Ortswechsel, Anruf, kaltes Wasser, 50 Squats, 5-minütiges Atemritual, Kurzbericht an Partner:in oder Sponsor.
  • Nach Lapse/Relapse: 1) Offenlegen, 2) Trigger-Analyse, 3) Plan anpassen, 4) Wiedergutmachen, 5) weitergehen – kein „Alles-oder-nichts“-Denken.

Rückfälle sind Daten, keine Definition. Wichtig ist die Geschwindigkeit und Ehrlichkeit der Kurskorrektur.

Häufige Denkfehler – und ihre Gegenmittel

  • „Wenn ich’s gestehe, verliere ich alles.“ – Geheimhaltung zerstört sicher. Ehrliche, strukturierte Offenlegung bietet die einzige Chance auf echte Reparatur.
  • „Ich muss nur stärker sein.“ – Willenskraft ist endlich. Systeme schlagen Willenskraft. Baue Reize, Routinen und Verantwortlichkeit um.
  • „Mein:e Partner:in übertreibt.“ – Traumareaktionen sind normal. Validierung reduziert, Abwehr verstärkt.
  • „Ohne Pornografie/Chats habe ich gar keinen Ausweg.“ – Du baust echte Emotionsregulation erst, wenn du den schnellen „Ausweg“ loslässt.

Bindung heilen: Vom Alarm zur Sicherheit

  • Korrigierende Erfahrungen: Viele kleine, verlässliche Taten (pünktlich, erreichbar, konsequent) sind wirksamer als große Versprechen.
  • Co-Regulation: Gemeinsam atmen, Spaziergänge, warme Getränke, Blickkontakt – simpel, aber neurobiologisch wirksam.
  • Sinnstiftende Narrative: Weg von „Ich bin ein Monster/Opfer“ hin zu „Wir sind Menschen, die lernen, Verantwortung und Würde zu leben“.

Leitfaden für das „schwere Gespräch“ (Vorlage)

  1. Einstieg: „Ich will heute zuhören und Verantwortung übernehmen.“
  2. Fakten: Kategorien, keine voyeuristischen Details.
  3. Emotionen spiegeln: „Wenn du … sagst, höre ich … und stelle mir vor, dass du dich … fühlst.“
  4. Verantwortung: „Das war meine Entscheidung. Ich bedaure …“
  5. Plan: „Konkret tue ich … bis …“
  6. Nachsorge: „Brauchen wir eine Pause? Wollen wir einen Spaziergang?“

Grenzen, Konsequenzen, Vereinbarungen

  • Grenzen sind Bedingungen für Nähe, keine Strafen. Beispiel: „Bei neuer Lüge: 30 Tage Trennungspause.“
  • Konsequenzen müssen klar, umsetzbar und angekündigt sein. Keine Drohungen, die du nicht einhältst.
  • Review alle 30 Tage: Was funktioniert? Was stresst? Was ändern wir?

Wann es sinnvoll ist, zu gehen

  • Wiederholte Lügen ohne Reue
  • Gewalt, Nötigung, Drohungen
  • Keine Bereitschaft zu Therapie/Transparenz
  • Chronische Missachtung vereinbarter Grenzen

Gehen ist kein Versagen. Manchmal ist das die gesündeste Option, die Würde schützt.

Was du dem/der gemeinsamen Freund:in sagen kannst

  • Kurz und würdevoll: „Wir haben ein Beziehungsthema und arbeiten professionell daran. Ich bitte dich um Diskretion. Danke für deine Unterstützung, ohne Partei zu ergreifen.“

Häufige Szenarien – mit konkreten Antworten

  • Partner will Details: „Ich gebe dir die relevanten Fakten, aber keine Bilder, die dich verfolgen. Lass uns das mit Therapeut:in strukturieren.“
  • Betroffene Person fällt in Selbsthass: „Scham ist ein schlechter Berater. Verantwortung ja, Selbstzerstörung nein. Welche 2 Taten kannst du heute für Reparatur tun?“
  • Eifersucht auf „den Bildschirm“: „Deine Eifersucht ist sinnvoll: Sie schützt Bindung. Lass uns definieren, was digitale Treue für uns bedeutet.“
  • Unterschiedliche Libidos: „Wir trennen Sexualität von Beruhigung. Nähe zuerst, Sex später – im beidseitigen Tempo.“

Ein Jahr später: Woran du echten Fortschritt erkennst

  • Ehrlichkeit in kleinen Dingen (Zeit, Geld, Verfügbarkeit)
  • Drang wird früher bemerkt und reguliert
  • Konflikte eskalieren seltener, werden schneller repariert
  • Sexualität ist dialogischer, weniger ritualhaft
  • Beide fühlen mehr Vorhersagbarkeit und Wärme

Diagnostik, Screening und Komorbidität

  • Screening-Tools: Hypersexual Behavior Inventory (HBI-19), CSBD-19, SAST (Sexual Addiction Screening Test) – nur als Startpunkt, keine Alleindiagnose.
  • Komorbiditäten: Häufig gemeinsam mit ADHS, Angststörungen, Depression, Zwangsspektrum, Substanzkonsum, Traumafolgestörungen. Therapie sollte Mitbehandlungen planen.
  • Medizinische Abklärung: Endokrine Faktoren (z. B. Schilddrüse, Testosteron) selten, aber abklärbar. Schlafstörungen (z. B. Insomnie) verstärken Impulskontrollprobleme.
  • Differenzialdiagnose: Manische/hypomanische Episoden (Bipolar), Impulskontrollstörungen, Autismus-Spektrum (Sinnesregulation), Zwangsstörung. Fachdiagnostik klärt.

Diagnose lenkt Behandlung – sie entschuldigt nicht. Ein klarer Name für das Problem erleichtert gezielte Hilfe und gemeinsame Sprache.

Partner:innen sind mitbetroffen: Betrayal Trauma verstehen

  • Typische Reaktionen: Intrusionen (Bilder/Gedanken), Kontrollverhalten, Vermeidungsverhalten, Stimmungsschwankungen, Hypervigilanz. Das ist kein „Drama“, sondern Nervensystemschutz.
  • Stabilisierung: Schlaf priorisieren, Essen/Trinken erinnern, sicheren Ort schaffen, Informationsfenster statt Dauergespräche, eigene Therapie/Gruppe für Partner:innen erwägen.
  • Selbstschutz-Formel HALTS: Hungry, Angry, Lonely, Tired, Stressed erkennen und früh gegenregulieren.
  • „Drei-Körbe-Modell“: 1) Muss ich wissen (Sicherheit, Finanzen, Gesundheit). 2) Schön zu wissen (Muster). 3) Besser nicht (voyeuristische Details). Die meisten Fragen gehören in 1 und 2.

Messbare Ziele: Von Hoffnung zu Handwerk

  • Outcome-Ziele: 90 Tage ohne ritualisiertes Verhalten, 6 Monate ohne Lügen, 8/10 gefühlte Sicherheit des Partners über 4 Wochen.
  • Prozess-Ziele: 5/7 Tage Achtsamkeit 10 Min., 3/7 Tage Sport 20 Min., 7/7 Tage 3-Min-Check-in, wöchentliche Therapie.
  • Tracking-Beispiele: Drangskala (0–10), Triggerkategorien, Schlafstunden, „Wins of the Day“.
  • Review-Rhythmus: Täglich kurz, wöchentlich 20 Minuten, monatlich 60 Minuten mit Anpassung der Vereinbarungen.

Digitale Stimuluskontrolle – konkret und realistisch

  • Netzwerkebene: DNS-Filter (z. B. familienfreundliche DNS), Router-Profile mit Zeitfenstern. Gemeinsame Passwörter für Profile, nicht für persönliche Accounts.
  • Geräteebene: Fokus-/Nicht-Stören-Zeiten, App-Limits, Entfernen „heißer“ Apps, separates „Arbeitsprofil“ ohne Social-Media.
  • Kontextwechsel: Kein Gerät im Schlafzimmer, Ladeplatz außerhalb; öffentliche/halböffentliche Arbeitszonen in Triggerzeiten.
  • Transparenz statt Überwachung: Gemeinsame Regeln, klar dokumentiert, mit Ablaufdatum und Review. Ziel bleibt Selbststeuerung.

Muster-Transparenzvereinbarung (Vorlage)

  • Ziele: Sicherheit erhöhen, Eigensteuerung stärken, Vertrauen aufbauen.
  • Gültigkeit: 90 Tage, danach Review.
  • Inhalte:
    1. Check-in täglich 3 Minuten, plus 1× wöchentlich 20 Minuten.
    2. Offenlegung neuer Lapses innerhalb 24 Stunden mit 3-Punkte-Analyse (Trigger – Ritual – Lernen).
    3. Finanztransparenz: Gemeinsame Übersicht über relevante Konten/Abos; keine neuen Kreditlinien ohne Zustimmung.
    4. Digitale Hygiene: Definierte Filter auf A/B-Geräten; kein Umgehen.
    5. Reisen/Alleinzeiten: Vorab-Plan (Orte, Zeiten, Schutzmaßnahmen, Ansprechpartner:in). Kurze Zwischenmeldungen.
    6. Grenzen: Kein Sex bis beide „grün“ signalisieren. Bei Lüge: 30 Tage Distanzphase.
    7. Notfall: Bei Eskalation vereinbarte Cooling-off-Strategie (Spaziergang, Timer, Pause), ggf. Drittperson anrufen.

Recht, Ethik und Würde

  • Einverständnis: Sexuelle Handlungen immer konsensuell, online wie offline. Kein Teilen intimer Inhalte ohne explizite Zustimmung.
  • Jugend- und Datenschutz: Keinerlei Inhalte mit Minderjährigen. Datenträger nicht mit illegalen Inhalten bespielen. Rechtliche Beratung im Zweifel einholen.
  • Arbeit: Keine sexualisierten Inhalte über Arbeitsgeräte/Arbeitszeit. Firmen-Policies beachten; Risiken für Job und Recht minimieren.
  • Würde: Auch beim Ende einer Beziehung: respektvolle Sprache, kein „Rufmord“ im Freundeskreis. Fakten, keine Abwertung.

Besondere Konstellationen und Diversität

  • LGBTQIA+: Queere Paare erleben oft zusätzliche Scham/Isolation. Wähle queer-kompetente Therapeut:innen/Gruppen. Themen: Outing, Community-Druck, Minderheitenstress.
  • Frauen mit CSBD: Häufig übersehen, stärker beschämt. Verhaltensmuster können anders aussehen (z. B. Chat-/Bindungsrituale). Behandlung erfolgt prinzipiell gleich.
  • Neurodiversität (ADHS/Autismus): Erhöhte Impulsivität/Sinnesregulation. Mehr Struktur, klare Routinen, sensorische Alternativen helfen.
  • Glaube/Religiosität: Religiöse Scham kann Leiden verstärken. Fokus auf Verantwortung und Würde statt moralischer Selbstabwertung. Sucht Sprache, die beides respektiert: Werte und Wissenschaft.

Arbeit und Karriere: Pragmatismus statt Panik

  • Offenlegung am Arbeitsplatz? In der Regel nein – außer, wenn rechtliche/Compliance-Risiken bestehen. Nutze Anonymität von EAP/externen Beratungen.
  • Reiserisiko: Vorab-Pläne, Zimmer ohne TV/Pay-Content, abendliche Check-ins, sportliche/soziale Ersatzroutinen.
  • Kalender-Hygiene: Pufferzeiten gegen Überforderung, Mittagspause ohne Bildschirm, „Shutdown-Ritual“ zum Arbeitsende.

Wiederannäherung an Sexualität – praxisnah

  • Intimitätsmenü (nicht sexuell): Händedruck 60 Sek., 3-Minuten-Augenkontakt, gemeinsames Kochen, Spaziergang ohne Handy, Rücken-an-Rücken-Atmung.
  • Intimitätsmenü (sanft sexuell, erst später): Kuss 10 Sek., Umarmung 20 Sek., Berührung über Kleidung – alles nur mit vorherigem „Ja“ und Abbruchrecht.
  • Sensate-Focus-inspiriert: 1) Nicht-genitale Berührung 10–15 Min., 2) Rollentausch, 3) Feedback mit 3 Sätzen, 4) kein Ziel außer Wahrnehmen.
  • Nachbesprechung: 5 Sätze – „Ich mochte…“, „Ich war unsicher bei…“, „Nächstes Mal wünsche ich mir…“, „Mein Körper fühlte…“, „Mein JA ist…“

7-Tage-Starterplan

  • Tag 1: Offenlegungstermin setzen, Notfallkarte schreiben, Schlaf heute priorisieren.
  • Tag 2: Digitale Hygiene einrichten, „Hot Zones“ definieren, 10-Minuten-Achtsamkeit.
  • Tag 3: Therapieanfrage(n) senden, zwei Selbsthilfeoptionen testen.
  • Tag 4: Finanz- und STI-Plan klären, ggf. Arzttermin buchen.
  • Tag 5: Paar-Check-in-Format üben (3 Minuten, Timer).
  • Tag 6: Bewegungsritual etablieren (15–20 Min.), soziale Verbindung aktivieren (Call).
  • Tag 7: Wochenreview, Vereinbarungen schriftlich, nächste Woche planen.

Glossar

  • CSBD: Compulsive Sexual Behaviour Disorder (ICD-11).
  • Trigger: Auslöser, die Drang/Impuls verstärken.
  • Ritualisierung: Vorbereitungsakte, die Richtung Verhalten führen (Suchen, Scrollen, Fantasieren).
  • Lapse/Relapse: Ausrutscher/Rückfall – Daten für Anpassung, nicht Identität.
  • Stimuluskontrolle: Umfeld so gestalten, dass Auslöser seltener/ärmer werden.

Erweiterte FAQ

  • Sollten wir offene Beziehung/Polyamorie „als Lösung“ probieren?
    • Offene Beziehungsformen lösen Zwang nicht. Erst wenn Stabilität, Ehrlichkeit und Impulskontrolle nachweisbar sind und beide wirklich wollen, kann man darüber denken. Nicht als Notausgang.
  • Ist kompletter Pornostopp nötig?
    • In der Akutphase ja – als Stimuluskontrolle. Später kann ein wertebasierter, konsensueller Umgang diskutiert werden. Für viele bleibt Abstinenz die klarere Option.
  • Wie gehe ich mit religiöser Scham um?
    • Unterscheide Schuld (tatbezogen, führt zu Verantwortung) von toxischer Scham (personbezogen, führt zu Verstecken). Suche Beratung, die deine Werte respektiert und Veränderung unterstützt.
  • Was, wenn Therapieplätze rar sind?
    • Übergang: Selbsthilfegruppe, Wochenstruktur, Achtsamkeitsprogramm, Literaturarbeit, telemedizinische Angebote. Wartezeit aktiv überbrücken, nicht passiv.
  • Wie binde ich Kinder altersgerecht ein?
    • Keine Details. Sätze wie: „Wir sind gerade gestresst und arbeiten daran. Du bist sicher und geliebt. Erwachsene kümmern sich.“ Routinen stabil halten.

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle medizinische/psychotherapeutische Beratung. Suche professionelle Hilfe, besonders bei akuter Belastung, Gewalt oder Rechtsfragen.

Forschungskontroversen in Kürze

In der ICD-11 ist CSBD verankert, während „Hypersexual Disorder“ es nicht in den DSM-5 geschafft hat. Es gibt Debatten, ob problematische sexuelle Verhaltensweisen eher Ausdruck einer Verhaltenssucht, einer Impulskontrollstörung, von Zwangsanteilen oder moralischer Inkongruenz sind. Die Praxis zeigt: Unabhängig von der theoretischen Schublade profitieren Betroffene von evidenzbasierten Bausteinen (CBT, Achtsamkeit, Paar-/Bindungsarbeit, klare Grenzen) und dem gezielten Einbezug von Partner:innen.

Mythen vs. Fakten (kurz)

  • Mythos: „Hohe Libido = Sexsucht.“ – Fakt: Entscheidend ist Kontrollverlust und Leiden, nicht die Frequenz.
  • Mythos: „Liebe heilt alles.“ – Fakt: Liebe hilft, ersetzt aber keine Struktur und Therapie.
  • Mythos: „Filter lösen das Problem.“ – Fakt: Nützlich als Krücke, aber ohne innere Arbeit schnell umgangen.
  • Mythos: „Rückfall = Ende.“ – Fakt: Rückfälle sind häufige Lernmomente. Verheimlichte Lügen zerstören – nicht der offene Lapse.
  • Mythos: „Partner:innen sollten alles wissen.“ – Fakt: Sicherheit vor Voyeurismus; Kategorien statt traumatisierender Details.
  • Mythos: „Nur Männer sind betroffen.“ – Fakt: Frauen sind unterdiagnostiziert und häufig stärker beschämt.

Somatische Selbstregulation: 5-Minuten-Protokolle

  • Physiologischer Seufzer (2–3 Min.): 2 kurze Einatemzüge durch die Nase, langer Ausatem durch den Mund. 10–15 Wiederholungen. Senkt rasch physiologische Erregung.
  • Orientierung/„Look around“ (2 Min.): Benenne 5 Dinge, die du siehst, 4, die du hörst, 3, die du fühlst, 2, die du riechst, 1, die du schmeckst. Verankert im Hier-und-Jetzt.
  • Vagus-Reset (2–3 Min.): Summen oder langes „Mmmm“ bei Ausatmung. Sanfte Vibration am Kehlkopf stimuliert den Vagusnerv, beruhigt.
  • TIPP nach DBT (3–5 Min.): T(Temperatur) kaltes Wasser ins Gesicht/Handgelenke; I(Intensive Bewegung) 60–90 Sek. zügige Bewegung; P(Paced Breathing) 4 Sekunden ein, 6 aus; P(Progressive Anspannung) 10 Sek. anspannen/20 lösen.

ADHS- und Trauma-sensible Anpassungen

  • ADHS:
    • Zeitboxen statt „nie wieder“: z. B. 25-Minuten-Fokusblöcke, danach kurzer Reset.
    • Externe Verbindlichkeit: Buddy-Call vor/ nach „Hot Zones“; sichtbare Checklisten.
    • Reizkanäle lenken: Fidget, Kaugummi, Steharbeitsplatz; Dopamin durch kurze Bewegung spenden, nicht durch Reize.
    • Radikale Einfachheit: Eine App, ein Filter, ein Ritual – nicht zehn Tools, die überfordern.
  • Trauma:
    • „Window of Tolerance“ beachten: Gespräche dosieren, Pausen planen, kein Überfluten.
    • Titration: Schwere Themen in kleinen Portionen mit Rückverankerung (Atmung/Boden spüren).
    • Berührungsregeln: Vorher ankündigen, jederzeitiges Abbruchrecht, klare „Stop“-Wörter.
    • Indikation erwägen: Traumatherapie (z. B. EMDR) bei Intrusionen/Dissoziation.

Selbstbeobachtungsprotokoll (Kopiervorlage)

  • Datum/Uhrzeit:
  • Situation/Ort:
  • Trigger (intern/extern):
  • Gedanke/Story:
  • Drang (0–10):
  • Ritual-Anzeichen (ja/nein; welche?):
  • Skill eingesetzt (welcher? wie lange?):
  • Ergebnis (Drang jetzt 0–10):
  • Nächster kleiner Schritt (konkret, in 10–15 Min.):

Täglich 2–3 Einträge sind ausreichend. Wöchentlich gemeinsam Muster reflektieren: Top-3-Trigger, wirksame Skills, Stolperstellen.

30-Tage-Mikroziele: Beispiele

  • 7 Abende ohne Bildschirm im Schlafzimmer – Ladeplatz im Flur, feste Uhrzeit.
  • 5× pro Woche 10 Minuten Achtsamkeit – direkt nach dem Aufstehen.
  • 2 soziale Kontakte pro Woche aktiv initiieren – kurz telefonieren oder spazieren.
  • 1 Check-in mit Partner:in täglich – 3 Minuten, Timer, feste Fragen.
  • 14 Tage „Hot-Apps“-Pause – Alternativen vorab definieren.
  • 4 Wochen „Wins of the Day“ – jeden Abend 1 Satz.

Ressourcen und Anlaufstellen (DACH)

  • Psychotherapeutische Suche: Kassenärztliche Vereinigungen/Terminservicestellen, Psychotherapeutenkammern, Online-Verzeichnisse (Schwerpunkt Sucht/ Sexualmedizin/ Paartherapie).
  • Kliniken/Ambulanzen: Sexualmedizinische/ Psychosomatische Hochschulambulanzen, Suchtambulanzen.
  • Beratungsstellen: Pro Familia, Caritas/Diakonie Suchtberatung, kommunale Erziehungs- und Familienberatungen.
  • Selbsthilfe: Gruppen mit Schwerpunkt CSBD/Verhaltenssüchte sowie Angehörigengruppen.
  • Akutlinien: Krisendienste/Telefonseelsorge regional. Prüfe lokale Angebote und Rechtslage.

Hinweis: Qualität, Wartezeiten und Ausrichtung variieren. Frühzeitig anfragen, parallel Übergangsstrategien nutzen.

Für Fachleute: Minimalstandard einer CSBD-Behandlung

  • Diagnostik: Strukturierte Anamnese inkl. sexueller Gesundheit, Risikoverhalten, Komorbidität, Differenzialdiagnosen.
  • Fallkonzept: Funktionale Analyse (SORKC), Bindungs-/Traumastatus, Wertearbeit, Ressourcen.
  • Behandlungsbausteine: CBT (Kognitionen/Trigger/Rituale), Achtsamkeit/Craving-Toleranz, Rückfallprävention, Paareinbindung mit Sicherheitsfokus, ggf. Pharmakotherapie.
  • Partner:innen: Eigene Unterstützung, Informationsfenster, Grenzen/Transparenz, Betrayal-Trauma berücksichtigen.
  • Ethik/Compliance: Konsens, Datenschutz, Forensikrisiken, schriftliche Vereinbarungen, Suizid-/Gewaltscreening.
  • Outcome: Mehrkriterielle Messung (Drang, Funktionsniveau, Lügen, Paar-Sicherheit, Lebensqualität), regelmäßige Reviews/Plananpassung.

Hoffnung mit Realismus

Heilung ist nicht linear. Es gibt Zickzack, aber die Richtung zählt: Verantwortung, Transparenz, Bindungssicherheit. Mit einer Kombination aus wissenschaftlich fundierten Ansätzen (CBT, EFT, Achtsamkeit, ggf. Medikation), klaren Grenzen und gelebter Empathie kann eine Beziehung nach Sexsucht reifen – oder ihr findet respektvoll heraus, dass getrennte Wege besser sind. Beides ist ein Sieg für Würde und Gesundheit.

Im ICD-11 gibt es die Diagnose „Compulsive Sexual Behaviour Disorder“ (CSBD). In den USA wurde „Hypersexual Disorder“ nicht in den DSM-5 aufgenommen. Klinisch arbeiten viele dennoch mit dem Konzept, weil Betroffene und Beziehungen real leiden.

Nein. Entscheidend sind Kontrollverlust, funktionale Nutzung zur Emotionsregulation, Persistenz trotz Schaden und Leiden. Jemand kann hohe Libido haben und gesund handeln.

Filter sind Stimuluskontrolle – nützlich als Krücke. Sie ersetzen keine innere Arbeit (Trigger verstehen, Alternativen üben), können aber anfangs Rückfälle verhindern.

Details, die retraumatisieren, helfen selten. Besser: Kategorien, Zeiträume, Risiken, Muster – in einem strukturierten Setting. Ziel ist Sicherheit, nicht Voyeurismus.

Es gibt Hinweise, dass SSRIs (bei Zwang/Impulsivität) oder Naltrexon (Belohnungsdämpfung) hilfreich sein können – nicht als alleinige Lösung, sondern als Ergänzung zu Therapie. Ärztliche Begleitung ist Pflicht.

Oft 6–12 Monate bis zu spürbarer Stabilität – abhängig von Ehrlichkeit, Konsequenz, Unterstützung und der Schwere vorheriger Verletzungen.

Nicht zwingend. Wichtig ist sofortige Ehrlichkeit, Analyse, Plananpassung und Wiedergutmachung. Wiederholte Lügen sind jedoch beziehungszerstörend.

Viele profitieren von einer Phase sexualfreier Intimität. Später Sexualität langsam, konsensuell und bewusst aufbauen, mit Nachbesprechung und klaren Grenzen.

Dann setze klare Grenzen und Konsequenzen. Ohne Bereitschaft zur Veränderung ist Reparatur kaum möglich. Deine Sicherheit und Würde gehen vor.

Kinder brauchen keine Details. Sie brauchen Verlässlichkeit: „Mama/Papa ist traurig/gestresst, aber wir kümmern uns. Du bist sicher und geliebt.“

Schlussgedanke

Sexsucht in der Beziehung fühlt sich an wie ein Erdbeben im Inneren. Doch Erdbeben zeigen auch, welche Fundamente tragen und welche neu gebaut werden müssen. Mit Klarheit, Konsequenz und Mitgefühl – für dich selbst und füreinander – ist ein Neubau möglich: stabil, wahrhaftig und menschlich.

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Wissenschaftliche Quellen

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